Während die Leute das Totenmahl, Brot und Apfelwein, sich munden ließen, wobei die Einen in eine rührselige, die Anderen in eine übermütige Stimmung gerieten, saßen die Landwächter in der Nebenstube am wohlbesetzten Tisch und der Valentin mit den kreuzweise geschlossenen Armen lehnte daneben in der Wandecke und starrte stumpf vor sich hin. Wir hofften insgeheim noch etwas vom Weine, der in einer Maßflasche vor die ausübende Nemesis gestellt worden war, doch diese verhielt sich sehr gemessen und schnob bisweilen nur so in den Schnurrbart. Der Kulmbock, der Lehrer und ich waren dieweilen nicht müßig. Im Schulhause setzten wir eine Art von Protokoll und Bittschrift auf mit dem Hauptgutachten, der Valentin Weiler habe nach allem Ermessen nicht die Absicht gehabt zu desertieren, nur die Kindesliebe habe ihm einen Streich gespielt, und hätte er mehreren Personen die bestimmte Absicht geäußert, nach dem Leichenbegängnisse des Vaters sofort wieder einzurücken. Die schwergeprüfte Familie, sowie die ganze Gemeinde bitte um Gnade, daß ihm der unbedachte Schritt nachgesehen werden möchte. — Diese Einschläge des Kulmbock waren nicht übel, obschon ich in der Diktion gerne eine militärischere Form gehabt hätte. Zuletzt kamen wir darin überein, daß der Valentin in die Kaserne zurückgekehrt, schnurgerade und stramm vor seinen Obersten hintreten und gehorsamst um seine Strafe bitten solle.

Dann nach dem Mahle, als sie aufstanden und ihn wie einen gebändigten Missethäter davon führen wollten, brach das Mutterherz los. Aber nicht in weibischen Klagen, die gehen meiner Hausmutter nicht von statten, vielmehr in einem zornigen Aufbäumen gegen die höllische Art, ein armes gutes Kind vom Vatersgrab hinwegzutreiben wie einen Dieb und Brandstifter. Und wenn der Soldat nicht einmal mehr so viel Mensch sein dürfe, daß er die Eltern heimsucht in der Todesstund’, nachher sei es nicht der Mühe wert, daß der Mensch ein Heimatland habe, nachher solle gleich der Russe kommen und alles miteinander in die Luft sprengen!

Scharf hat sie gesprochen, meine Hausmutter und geschadet hat’s nichts. Sagte einer der Gendarmen leise zum andern: „Mir scheint, seine Handeisen thun der Alten so weh. Ich glaube wirklich, wir könnten ihm die Hände frei geben.“

Und der Andere: „Wenn du’s wagen willst! Ich halte mich an die Ordonnanz.“

„Dann ich auch.“

„Ihr Herren,“ sage ich zu ihnen, „eine Wette, ihr habt auch Vater und Mutter gehabt.“

„Von uns soll ihm nichts Böses geschehen,“ antwortet der Eine.

Menschlich sind sie zwar mit ihm umgegangen, aber entfesselt haben sie ihn nicht. Als der Valentin so, in gebundener Marschroute, an einer Gruppe von Bauernburschen vorüberkam, die betroffen dastanden, rief er hell aus: „Lebt wohl! Für mich ist die Kugel schon gegossen! Juchuchu!“

Das hat die Mutter stumm gemacht. Dieses Jauchzen hat sie stumm gemacht. Stumm und totenblaß.