„Das wäre nicht schlecht!“ sage ich. „Böse Red’ darüber, weil im Himmel die Engel sind und auf Erden die Menschen.“

Wie mich auf dieses Wort das Mädel dankbar anblickt! Gott, hat die ein Augenlicht!

Darauf habe ich mich kühn auf den Evangelisten gespielt, der Herr habe mehr Freude an einem wiedergefundenen Schafe, als an neunundneunzig verlorenen. Und darum wollten wir getrost ausziehen, das verlorene wiederzufinden. — So schief dieser Bibelausspruch geraten ist, sie waren dankbar dafür.

Dann sind wir hineingegangen über die Almen und hinten hinab in den Fuchsgraben. Die Hausmutter war sehr kriegerisch gestimmt; von ihrem Stecken schien sie etwas zu erwarten, den sie bei jedem Schritte fest in den Boden stieß. Die Barbel aber meinte doch, daß man mit Stecken keine verlaufenen Schafe locke. Als wir der Legwindhütte nahe kamen, sagte sie: „Gelt, Mutter, wir wollen recht gut mit ihm sein, wenn wir ihn finden.“

„Den Stecken schlag’ ich heut mitten ab!“ rief die Hausmutter und schwang ihren Haselstab. „Über wen, das werden wir schon noch sehen. Verführt ist er worden!“

Wir kommen in die Schlucht hinab. Die Büsche gilben, aber die Blätter hängen noch an den Zweigen. Den Fuchsgraben hat das Hagelwetter verschont, es hätte sich wohl kaum ausgezahlt, hier über Hasel- und wilde Beerensträucher den kalten Zorn des Himmels niederzuschleudern. Die Hänge sind mit Brombeerstrauchgewinden übersponnen, darin krauchen einzelne Gestalten umher und halten Mittagsmahl bei den dorrenden Früchten. An der Felswand lehnt die Legwindhütte, aus braunen Steinen roh gemauert; der bindende Mörtel ist schon aus den Fugen geschwemmt. An Thür- und Fensterstöcken hat der Regen die schiefergrauen Holzfasern bloßgespült, die Fensterscheiben bestehen teils aus erblindetem Glase, teils aus Papier, teils aus Lappenballen. Die Dachbretter sind mit Steinen beschwert. Daneben, mit zerzausten Strohschauben geflickt, eine Art Ziegen- oder Schweinestall. Das Ganze ist mit Sauerampfern, Brennesseln und unsauberen Dingen umwuchert. Da hast du die Herrlichkeit, die in jedem Salon hängen kann — auf der Leinwand. Am Bache, der in der steinigen Schlucht niederrauscht, kniet die alte Hexe und schwemmt eine blaue Männerhose durch. Ich trete zu ihr, schüttle sie an der spitzen Schulter und schreie zur Wette mit dem Wasser, wo der Adamshauser-Sohn wäre? Sie glotzt mich dumm an, sie sei die Legwindhütterin und wisse nichts von einem Adamshauser-Sohn.

„Aber sie wäscht ja gerade seine Barchenthose!“ sagt die Barbel.

Dann ist er im Neste. Wir dringen in die Hütte. An dem schrillen Winseln der rostigen Thürbänder erkenne ich die kluge Wachsamkeit der Unterstandgeberin. In der dumpfmürfelnden Stube ist mein erstes, daß ich mir den Kopf an den Trambaum stoße. Die Beine verstricken sich in Stroh, das auf dem Boden wüst herumliegt und stellenweise mit alten Kleidungsstücken bedeckt ist. Auf dem wurmstichigen Tische liegt ein abgegriffenes Kartenspiel und stehen geleerte Schnapsgläschen, in denen Fliegen kleben. Am rußigen Kachelofen hängen nasse Hemdenreste. Zu sehen ist niemand. Wir treten in die Küche, wobei die Barbel ängstlich meinen Arm umfaßt, denn es ist dunkel und die morschen Fußdielen wanken unter den Tritten. Nach faulen Rüben riecht es und in der glosenden Herdglut liegen halbverkohlte Kartoffeln. Auch hier niemand vorhanden. Dann steige ich die Sprossenleiter hinauf in das Dachgelaß. Dort, im Heu vergraben, liegt einer, ich sehe nur das schwarze zottige Haupthaar. Bald hebt er sich und brüllt: „Wer ist da?“

„Das frage ich!“ meine Antwort.

Er richtet sich aus dem Wuste hervor: „Das fragst du? Gut, schöner Herr, du sollst es hören. Aber komm’ mir nit in die Nähe. Es ist ungesund, da heroben. Ich bin ein doppelter, wenn du es wissen willst. Der bayerische Hiesel und der Schinderhans.“