Nur gut, daß es doch wieder Ereignisse giebt, die mich gründlich ernüchtern. An einem Fichtenbaum ist mein Stolz zerschellt. Vernimm den Bericht.

Die Zeit des Streumachens ist da, um den Stallbewohnern für den Winter einen grünen Teppich zu schaffen, der dann allwöchentlich einmal erneuert werden muß. Das Stroh wird hier nicht zur Streu benutzt, auch wenn eins vorhanden ist, sondern mit Heu vermischt gefüttert. Waldmoos und Heidekraut will man den Baumwurzeln nicht rauben. Da giebt der Baum noch lieber seine grünen Äste, als seine feuchte, schützende Wurzeldecke. So kommt von acht zu acht Jahren der Bauer mit der Axt, steigt an dem Baumstamm empor und hackt die längsten und buschigsten Äste herab als Winterstreu für den Stall. Die zarten Zweige und Triebe, sowie den Wipfel läßt er dran. Damit soll sich der schwerverwundete Baum wieder erholen fürs nächstemal. Das ist nun eine ganz abscheuliche Einrichtung, allein der Bauer im Almgai behauptet, er wisse anderswie keine Stallstreu, oder mit anderer Streu keinen richtigen Dünger zu erzielen. Ich machte dagegen theoretische Einwendungen, die Hausmutter stützte sich auf Erfahrungen und schickte mich hinaus in den Wald. Da hätte ich nun ein paar scharfzackige Steigeisen an meine Füße schnallen sollen, hätte die Axt rückwärts in den Gürtel stecken und den Baum hinaufklettern sollen, wie eine Eichkatze, bis zum Wipfel.

Im vorigen Jahre waren noch drei vorhanden gewesen, die das Reisig von den Bäumen schneidelten, der Vater Adam, der Valentin und der Rocherl. Das Mädel hatte munter die gefallenen Äste in Büscheln gesammelt, die Hausmutter war mit Ochsen und Karren gekommen, um das „Graß“ in den Hof zu führen, wo es nachher kleingehackt und in Stößen unter Dach geschichtet worden für den Gebrauch im Winter. Die beiden Burschen sollen hoch auf den Bäumen gesungen und gejauchzt haben und sich geschaukelt, und im Schaukeln sogar von einem Wipfel zum andern gesprungen sein, voll Übermut. — Heute? Heute steht ein einziger da — kann nicht jauchzen und kann nicht schneideln. Das Ästeherabhacken wäre freilich keine Kunst, aber das Hinaufsteigen! Die Hausmutter selbst hat mir die Steigeisen angeschnallt, die Barbel hat mich im Klettern unterwiesen, wie man mit den scharfen Eisenzacken hoch an dem Stamme weit fester stehe, als in gewöhnlichen Schuhen auf dem Erdboden, wie man mit dem einen Arm den Stamm umschlinge, als hätte man ihn sehr lieb, und mit dem andern Arm die Äste abhacke, daß sie lustig niederrauschen. — Und ich? Mensuren habe ich geschlagen und in der Armee wird man auch nicht gerade für allzugroße Furchtsamkeit abgerichtet. Also frisch an! Aber wie hoch? Als es so weit war, wo der Baum sachte mit mir zu schaukeln begann, wo der Stamm mit jedem Hieb zuckte, als wollte er mich abschütteln und sich wie eine Schlange unter mir bog, just zum abspringen, da war der Feigling fertig. Die Glieder huben mir an zu zittern, der Wald begann zu kreisen — rasch mußte ich bodenwärts.

„Mein Gott!“ sagte die alte Hausmutter, „wenn unsereins das dumme Weibergewand nit hätt, mit dem man überall hängen bleibt, mich däucht’, ich wollt’ selber hinauf.“

Du kannst dir denken, wie anmutig ich dagestanden bin. „’s ist mir just das Blut zu Kopf gestiegen,“ sagte ich, bloß um etwas zu sagen.

„Bis du’s noch einmal probierst, wird’s schon gehen,“ redete mir die Hausmutter zu, „anfangs ist einer, der’s nicht gewohnt, halt ein bissel schwindlig.“

„Mutter!“ sagte jetzt das Mädel, „den Hansel lassen wir nit mehr hinauf. Er macht alles zu geschwind, spießt mit den Steigeisen nit ordentlich ein, und anhalten thut er sich auch zu wenig. Da könnt’ wirklich was geschehen.“

Also, wegen Tollkühnheit darf ich nicht mehr hinauf! Auch gut.

Was nun machen? Es droht der Winter und das Reisig muß herab. Wenn der alte Soldat schon zu — tollkühn ist, um auf die Bäume zu steigen, so muß man ihn umtauschen. Die Hausmutter schickt zum Kulmbock hinüber und läßt bitten um einen Baumschneidler. Der Kulmbock ist nicht daheim und sein Weib läßt zurücksagen, sie brauche ihre Leute selber und müsse jetzt die Mühlbrücke zimmern lassen, die das Wildwasser zerrissen hat. Ob denn der „herrische Knecht“ nicht baumschneideln könne?