Darauf läßt die Barbel zurücksagen: Der zugereiste Knecht könne das Baumschneideln sehr gut, aber man dürfe ihn nicht hinauflassen, weil er zu hitzig sei und den Vorteil nicht achte. Hingegen wolle man den Hansel zum Brückenbauen hinüberschicken, wenn die Kulmbock-Bäuerin dafür ihren Weidbuben zum Baumschneideln herüberthue. Es handle sich bei diesem Wechsel nur um etliche Tage, dann könne sie den Weidbuben wieder haben.

So werde ich für diese kommende Woche vertauscht, wie etwas Unbrauchbares gegen Brauchbares. Die Blamage wäre reichlich groß genug gewesen für einen Selbstmord, hätte das wundervolle Mädel aus meiner Feigheit nicht eine so unverantwortliche Waghalsigkeit gemacht. — Was nützt mir das, wenn sie’s selber nicht glaubt!

Noch gestern abends bin ich heimlich in den Wald gegangen und hab’s versucht mit einem Baum. Dieselbe Lumperei. Wie er schaukelt, packt mich der Schwindel und ich muß zurück. Bin nachher gar nicht zum Nachtmahl erschienen. Kopfweh hab’ ich gedichtet. — Und morgen früh hinüber in den protzigen Kulmbockhof zum Brückenbau.

Noch etwas für heute. Das letzte Mal wurde dir ausführlich mitgeteilt, wie wir den Rocherl gesucht, dann seine Flinte gefunden und in unser Haus zurückgetragen haben, um sie auf ihrem alten Platz an den Nagel zu hängen. Denke dir, sie hängt nicht mehr dort. Eines Morgens war sie weg. Er hat sie sicher selbst geholt. Dieser unbegreifliche Mensch! Die alte Marenzel meint, die Bleikugel in der Hand müsse ihm das Blut und das Gehirn vergiftet haben. Jetzt suchen ihn auch schon die Landwächter. — Nicht eine Stunde sind wir sicher vor einem furchtbaren Verhängnis.

Dreiundvierzigster Sonntag

Am dreiundvierzigsten Sonntage.

Also am Montage bei Ehren-Kulmbock, beim Brückenbau. Ich hegte den heißesten Wunsch, es möge dabei jemand, meine Wenigkeit ausgenommen, ins Wasser fallen. Die Schmach kann nur durch eine Lebensrettung wett gemacht werden. Man hat mich richtig gleich aufgezogen: daß die Bäume im Adamshaus-Walde gar sehr froh sein würden, mit ihren Wipfeln diesmal noch heil davongekommen zu sein, ohne daß sie der Hansel in seiner wütenden Kurasch allesamt enthauptet hat! — Denn die Tollkühnheit war ihnen im Grunde nicht einleuchtend. Da mußte rasch etwas Glaubhaftes zusammengelogen werden. Der Krampf! „Diese verfluchten Krampfadern in den Beinen, die man sich damals in Galizien geholt, bei den großen Märschen! Gerade das leidenschaftlichste Vergnügen, auf den Bäumen herumzuklettern, vergällen sie einem!“ Sie lachten noch mehr und meinten, die Fichtenbäume würden wohl Freudenfahnen ausstecken wegen meiner Krampfadern. — Am Dienstag hatte ich schon nicht mehr Zeitungsdeutsch nötig; mein Heiligenschein qualmte an einer andern Stelle auf. Dieweilen sie an der zu bauenden Brücke die Holzbalken und Stämme schwerfällig und ungeschickt hin- und herprobierten, konstruierte ich mit Hilfe des Restes meiner geometrischen Kenntnisse die Brücke auf Papier und rechnete leichter Hand in Ziffern die Verhältnisse des Baues aus, worauf wir mit ziemlicher Einfachheit das tiefe Bachbett überbrückten. Die Leistung gab mir einen solchen Glanz, daß der Vorknecht mich einen ganzen Tag lang den „Herrn Johann“ nannte. Daß mein Name nicht ein zugehackter Johannes ist, sondern nach heidnischer Art der deutschen „Hansa“ entstammt, diese Wissenschaft würde ihnen alle meine bautechnischen Kenntnisse wieder gründlich verdunkeln.

Im Kulmbockhof — muß ich dir sagen — hätte ich meine Zwanzigtausend Kronen-Wette nicht gewonnen. Zwar zu essen giebt es mehr und fetteres, als im Adamshause, aber an den Schüsseln kleben noch die Krusten früherer Mahlzeiten; die Tische und die Fenstergläser sind mit so ausgiebigem Schmutz überzogen, daß die Herbstfliegen mit ihren altersschwachen Beinen drin stecken bleiben, wie die ungarischen Bauern auf der Dorfkirmes im Straßenkot. Und was das Schlafbett anbelangt! Freund und Philosoph! Wenn in deinem großen Bekanntenkreise jemand einmal dem Laster der Trägheit verfallen sollte, ich bitte dich, schicke ihn in den Kulmbockhof. Auf dem Strohlager allhier wird er Emsigkeit lernen. Das Stoßgebet bei diesen nächtlichen Umtrieben lautet: Vor den großen Feinden schütze ich mich selber; Herr, schütze du mich vor den kleinen!