Der Kulmbock ist natürlich nicht zu Hause. Er geht stets im Weltverbessern um, hält Versammlungen ab, bespricht die „Lage“. Die Anliegen der Wählerschaft nimmt er würdevoll entgegen. Er wird’s schon machen. Vor allem eine ordentliche Steuerreform! Die Steuer soll nicht der zu zahlen haben, der was schafft und hervorbringt, sondern vielmehr, der was aufbraucht. Dann, die Korneinfuhr aus Ungarn und die Fleischeinfuhr aus Amerika muß abgeschafft werden, damit wir Bauern die Sachen teurer verkaufen können. Zur Erntezeit muß bei den Dienstleuten die Sonntagsruhe aufgehoben werden. Der Kulmbock läßt nicht locker. Das wird seine Sorge sein! An ihm kommt keiner vorbei, und Herrenmanglereien, die frißt er nit! Ein großer Mund, aber keine Zähne drin. In der Landstube soll er hinter dem Pfeiler sitzen und sich sehr ruhig verhalten. Seit er bei einer und derselben Sitzung für die Annahme und für die Ablehnung der neuen Landesbahnen-Verkehrssteuer gestimmt hat und für diese seine zwiefache Bereitwilligkeit etwas unbarmherzig ausgelacht worden ist, zieht er es vor, „mehr unparteiisch zu bleiben, sich nirgends dreinzumischen, jeden reden zu lassen, wie er will und mag, selber der Gescheitere zu sein und nachzugeben.“ Es wäre, meint er, für einen verständigen Menschen ganz verzwickelt schwer zu reden in dieser äußerst gemischten Gesellschaft; bald sei es dem nicht recht, bald jenem nicht. Bald schnappe bissig ein dritter her, bald entgegne ein vierter mit niederträchtiger Bosheit, bald ein fünfter mit dem Dreschflegel. Man sei auch etwas gewohnt zu leisten, aber da gehöre noch eine spinnefalsche Abgefeimtheit dazu, sonst werde man übertrumpft von den Federfuchsern und zu Schanden geschrieen von den großmauligen Doktoren. „Na!“ meint der Kulmbock, „das friß ich nit! Aber die Zeit wird schon kommen, wo wir es ihnen zeigen werden, denen! Wir Bauern! Wir halten unsere Reden mit der Faust!“ — Und trotzdem ist der Mann fortgegangen von hier, wo man noch mit der Faust schafft, und dorthin, wo man mit dem Munde regiert. Na! Solcher Volksvertreter wegen ist es schon der Mühe wert, daß man den Parlamentarismus aufgebracht hat und bei den Wahlen sich halbtot prügelt um das Recht der Selbstbestimmung.
Ja wohl! Das Recht der Selbstbestimmung, das der Kulmbock dort so mannbar vertritt, daheim in seinem Hause herrscht es unumschränkt. Jeder thut, was er will. Die Knechte sind nach Belieben faul und tölpelhaft, die Mägde sind zutäppisch. Die Haustochter Fronel wollte mich aushorchen wegen Adams Rocherl. Man höre, ihm sei daheim das Beten und Fasten zu langweilig geworden und deshalb sei er zu einer Räuberbande gegangen. Wenn der Rocherl Räuberhauptmann wäre, da möchte sie gleich Räuberhauptfrau sein. Der Rocherl habe gar so schlanke Beine, und die gefielen ihr. — Diese Fronel hat einen breiten Mund und gelbe Zähne, mit denen sie immer an etwas kaut. Bei Tische jagt sie nach den besten Bissen und wenn von etwas die Rede geht, was sie nicht kennt, so fragt sie allemal, ob’s was zum essen wäre. Wenn sie sich nicht mit einem Mannsbild balgt, so hockt sie im dunstigen Hinterstübel und trennt und näht an ihren Kleidern herum. Hat sie ein buntes Band, eine Masche oder dergleichen Flitter angeheftet, so stellt sie sich damit vor den Spiegel — in diesem Hause giebt’s einen hübsch großen — und trennt dann das Zeug allemal wieder los, um es mit einer noch reizenderen Art zu versuchen. Ruft ihre Mutter hinein: „Die Sau sollst du futtern gehen, stinkfaule Dirn!“ Und die Tochter heraus: „Ja, leck’ mich im Buckel, bist selber nix z’gut dazu!“ — Das wäre schon die richtige für den Rocherl, die! Da wüßte ich ihn schier noch lieber bei den Räubern.
Am zweiten Abend, als es regnet und ich in der Kulmbockhof-Kammer einen Wettermantel hole — ein großer Lodenfleck mit dem Loch in der Mitte, zum Durchstecken des Kopfes, wie ich also den aus der Kammer hole, höre ich im dunklen Nebengelaß zwei Knechte sprechen; sie thaten es so sonderbar brummend und zischelnd, daß der Mensch anhebt zu horchen.
Der eine: „Du, Martel, wenn du mir die Hälfte nit giebst, so verklag’ ich dich.“
Der andere: „Verklag’ mich, wenn du’s beweisen kannst“
Der eine: „Nachher, mein Lieber, wird der Baumstock müssen reden. Der braucht gar nit zu juramentieren, dem glaubt man’s auch so, daß auf ihm der schöne Lärchbaum nimmer steht, den du heimlich dem Holzhändler verkauft hast!“
Der andere: „Verrätst mich, dann kitzle ich dir mit dem Federmesser den Hals durch!“
Der eine: „Kitzle nur, wenn du im Kotter sitzest.“
Der andere besinnt sich ein wenig und sagt: „Geh, Statzel, mach’ keine Dummheiten. Einen Gulden sollst haben.“