Im weiteren soll der Jäger die Geschichte selber erzählen: „Wie ich nachher der Bäuerin ein paar Kreuzer hinhalte und sie sagt, ein Vergeltsgott wäre ihr lieber und wir so ein bissel nebeneinander stehen vor der Hausthür, bemerkt mein Aug’ in der dunklen Streuschoppe den Adamshauser Rocherl, der sich an die Wand drückt und durch eine Luke hinhorcht auf den Lehrer, wie es dieser mit dem Sackbuttner verabredet, daß er die gekaufte Kuh am Allerseelentage nachmittags abholen will. Das fällt mir auf — sage aber nichts. Es wird gut sein, denke ich, wenn der Lehrer einen Kameraden hat auf dem Heimweg. Habe ihn begleitet bis Hoisendorf hinab. Ist gar nit gesprächig gewesen, der Herr, hat sich über den ungebetenen Weggenossen wahrscheinlich geärgert. Vielleicht wollt’ er unterwegs ein Hochzeitsliedel dichten. Mir ist es auch nit viel besser ergangen neben seiner. Ein Jäger und ein Schulmeister, ich bitt’ dich! Mit was sollen denn die sich unterhalten? — Es ist halt kurzweiliger zu zweien, sage ich, die Gegend ist jetzt schon gar so viel einschichtig. — Na, meint der Lehrer, einen Jäger wird die Einschichtigkeit doch nicht genieren! Und schaut mich seitlings an — ein Jäger und sich fürchten? Hab’ mir’s gefallen lassen müssen. Mein Lieber, denke ich, wenn du wüßtest, für wen ich fürchte! — Sagen habe ich ihm’s freilich nit mögen. Ich kann mich ja grob irren. Wäre wohl noch schlimmer, als ein Schuß in die Hand! — Das mußt allein mit dir selber abschließen, Jäger, sage ich zu mir, und sollst jetzt einmal über zwei Menschen wachen. — Darauf am Allerseelentag gehe ich frühmorgens aufs Joch. Unsereiner ist das Passen ja gewohnt. Nit weit von der Waldheuhütte, da begegnet er mir schon, hat an seinem Rock noch die Heuhalme kleben, daß ich es gleich weiß: Rocherl, du hast in der Hütte übernachtet. Ich rede ihn an: Wohin so früh? Er keine Antwort, eilends davon. Ich krieche durchs Wandloch in die Hütte und sehe im Heu noch die Grube. Und finde daneben, im Heu vergraben, das Gewehr. Scharf geladen! — Also doch! denke ich. Es scheint, für den Lehrer ist vorbereitet, wenn er des Weges kommt in die Wendau. Ist es denn möglich? Aus Haß, der Schwester wegen, oder wie sonst? Wahnsinniger Mensch, du! — Will jetzt aber doch sehen, wie weit das geht. Weg nehm’ ich das Zeug diesmal nit. Da machen wir lieber einen andern Spaß, lieber Rocherl! Hab’ mir’s vorgenommen mein Lebtag, daß ich dir deine Hand vergüte. Aus der Hand kann ich dir die Kugel freilich nit herausziehen, aber — weißt du wohl — aus diesem Büchserl kann ich sie herausziehen. Knallen thut’s auch ohne.... Und hab’s gethan. Den Schuß herausgezogen, frisch blind geladen und das Gewehr wieder ins Heu gesteckt. — Nachher habe ich mich selber ganz hinten hingelegt. Durch eine Bretterfuge sehe ich hinaus gerad’ auf den Weg. Dort bin ich gelegen den ganzen Tag und immer wieder hat’s in mir gesagt: Ah, Unsinn, wie wird der Junge auf den Lehrer schießen! Einem Hirschen wird das Blei vermeint gewesen sein, der oben auf dem Jochanger äset. Der Wildschütz laßt’s ja nit! Nachher schlagt’s wohl in mein Fach. — So um Mittag herum, wie ich meinen Speck aufs Brot lege, schleicht er an. Kriecht in die Hütte, übers Heu hin zum Gewehr. Von meinem versteckten Winkel aus ist er gut zu beobachten. Er will sich’s bequem machen im Heu und kommt doch zu keiner Rast. Stützt sich auf den Ellbogen der kranken Hand und lugt durchs Bretterloch hinaus auf den Weg und kann das Aug’ nit abwenden. Fliegen ein paar Raben, setzen sich an den Steig, picken Käfer auf, fliegen wieder ab und krähen in den Wipfeln. Sonst nichts. Da ist’s auf einmal — es schwummelt was zwischen den Lärchbäumen her und ist’s der Lehrer. Der hat um die Achsel einen Strick geschlungen, in der Hand einen Stock. Er geht, um seine Kuh zu holen. Der Rocherl bäumt sich stad auf und hebt mit der Linken das Gewehr. Teufel! denk’ ich, ’s ist doch ernst. — Da kommt vom Weg ein lustiges Lachen — Kinderlachen. Zwei Schulknaben laufen hinter dem Lehrer daher. Auf dem Heimweg wohl von der Kirche. Die haben einen großen Käfer gefangen, der zwickt in den Fingern, sie wollen ihn dem Lehrer zeigen und fragen, was es für einer ist. Tschapperln! sagt er, ihr werdet doch den Hirschkäfer kennen! Na, Kerl, du hast dich hübsch verschlafen, dies Jahr, jetzt kommt schon der Winter. — So gehen sie miteinander vorbei, der Lehrer und die Kinder, und verschwinden hinter der Böschung. Der Schuß hat nit geknallt. Die dummen Buben! Der Rocherl schlägt sich ärgerlich die Faust an die Stirn. Jetzt muß er warten auf die Rückkehr, und das Gewehr thut er nicht mehr aus der Hand. — Na, so haben wir wieder gewartet. Wenn der Jäger das Aufpassen nit gewohnt wär’! Bin doch neugierig, denk’ ich, ob ihm denn nichts einfällt. Was er vorhat! Was das bedeutet! Was nachher kommt! — Aber nichts und nichts! Man kennt’s ja, wer auf dem Anstand steht, die ganze arme Seel’ ist im Büchsenrohr und wartet auf das Losdrücken. — Einmal kommt vom Waldhang ein Reh herab, ganz possierlich, und nascht am verherbsteten Haidekraut. Hab’ noch gemeint, der Rocherl könnt sich doch besinnen. Schuß ist Schuß. Aber nein diesmal giebt er’s fürnehmer! Als es endlich zu dunkeln anhebt, strampelt der Bursche ungeduldig mit den Beinen. Seine Augen brennen ganz katzenhaft — lauter grüne Funken. Jetzt zuckt er zusammen. Er hat etwas gehört. Von der Wendauerseite herüber kommt der Lehrer mit seiner Kuh. Er führt sie am Strick, in der andern Hand hat er einen Birkenzweig zum Antreiben: Hi, geh, Scheckige. — So kommen sie stad heran und ich meine schon, es ist nichts, da kracht’s. Das Tier macht einen Sprung, der Lehrer stürzt zu Boden. — Verdammt, was ist das? — — Einen Augenblick ist der Rocherl starr, dann thut er einen Schrei. Mensch, einen Schrei! Meiner Tag’ hab’ ich keinen solchen gehört. Dann fährt er unbändig zum Loch hinaus und fort. Mich hat’s nur so zusammengerissen, wie der Lehrer hinstürzt. Aber wie ich auf den Weg komme, ist er schon wieder auf und mit der Kuh davon. Das erschreckte Tier hat ihn mit dem Sprung zu Boden gerissen — und weiter, Gott Lob, ist nichts zu vermelden. Nur daß ich nachher über die Abachleiten den Adamshauserischen hab’ laufen sehen, in der höchsten Verzweiflung. Mein Lebtag hat mir nichts so wohl gethan, als dem seine Verzweiflung. Bübel, denk ich, die ist dir gesund. Heißt das, wenn sie nit zu unchristlich wird. Hab’ ihm doch nachgerufen: Rocherl, hörst du! Jetzt sind wir wett. Zwei Menschenleben für eine Hand! Ich glaube, sie ist bezahlt. — Er wie ein wildes Tier davon und nichts gehört.“ —

So, mein Freund! Und das ist der Jäger Konrad. Ich hätte es nicht geglaubt. Hätte es nicht geglaubt, daß wirklich solche Menschen umhergehen auf Erden. Und ein solches Wunder hat müssen sein, daß unser armer Junge gerettet werden konnte. Er, und wir alle mit ihm. Und weiß Gott, der Junge ist seither anders, — anders!

* *
*

Ein Nachtrag! Für verrückt wirst du mich halten. Für einen jener unheilbaren Irrsinnigen, die plötzlich so heiter geworden sind, daß sie selbst bei Tragödien und Trauerfällen nichts als lachen können. Bei solchen Schicksalsschlägen, wie sie das Adamshaus getroffen, könnte man ja wirklich überschnappen. In dem Augenblick, als ich vorstehenden Brief an dich schließe, kommt der Rocherl in einem wahren Freudenrausch, hoch zwischen den Fingern etwas haltend, schwingend: „Sie ist heraußen! Sie ist heraußen! Die Kugel!“

„Natürlich,“ sage ich, „weil sie der Konrad herausgezogen hat.“

„Die meine ich nit!“ schreit er, „die meine ich. Die in der Hand drin gewesen ist!“

Seit dem aufregenden Allerseelentag soll sie wieder sehr geschmerzt haben, die kranke Hand, an der alle Pflaster und Salben der alten Marenzel nichts nützen wollten. Die Narbe war neuerdings aufgegangen und schwürig geworden. Die Barbel hat sie ihm jeden Tag sorgfältig verbunden. Und wie sie heute wieder den alten Verband ablöst, fällt etwas aufs Fletz. Ein kleines, längliches Bleistückchen, und der Rocherl behauptet, es thät’ nicht mehr weh. Ich bitte dich, Alfred, frage doch einen Arzt, ob das möglich ist, ob Schreck, Angst und derlei Seelenaffektionen nicht kugeltreibende Mittel sein können. Ist das nicht möglich, dann bin ich in allergrößter Verlegenheit, denn die Kugel ist da.