„Vielleicht mit Recht!“ sagte Doktor Stein. „Sie erinnern sich, daß Lobensteiner, Ihr Kronzeuge, Ihnen den Wortlaut der Wette mitgeteilt hat? Gut. Der Spaß hat, so weit ich mich entsinne, daraufhin gelautet, der Kontrahent habe ein volles Jahr als Bauernknecht zu dienen, also vom ersten Januar bis zum letzten Dezember dieses laufenden Jahres. Ich besitze Briefe, in welchen Trautendorffer selbst ausführlich erzählt, daß fast der ganze Monat Januar verstrich, bevor er einen Dienst gefunden. Gesetzt den Fall, die Wette wäre ernst gemeint gewesen, so wurde die Bedingung gleich anfangs so himmelweit verfehlt, daß ich nicht begreife, wie von einer Verpflichtung meinerseits auch nur die Rede sein kann. Es wird mir übrigens sehr angenehm sein, wenn Sie den Fall einer gerichtlichen Entscheidung anheimstellen wollen.“

So, mein Freund und Philosoph, stehen wir jetzt mit unseren zwanzigtausend Kronen. Du warst sehr unvorsichtig mit deinem Darlehen. Und ich war sehr unvorsichtig mit meiner Hoffnung, mit diesen Krongütern Bauerhöfe zu retten, Schullehrerfamilien zu fördern und weiß Gott was alles. Zwar schreibt mir mein Vertreter, daß er durchaus nicht willens sei, den Fuchs laufen zu lassen. Bis der Betrag fällig und nicht ausgefolgt sein wird, das ist am ersten Januar 1898, wird die gerichtliche Klage anhängig gemacht. Dann wird sich der Prozeß so seine verschiedenen Jährchen hinschlängeln und ich werde — ein großartiger Michael Kohlhaas. Nach solchem Ruhme geize ich aber nicht. Zum Satan! Mir geht das Wasser jetzt schon an den Hals, oder was das Gegenteil und dasselbe ist, ich sitze im Trockenen. Meine Sachen sind verplempert und den besten Freund muß ich auf das Nachdrücklichste warnen, mir je noch einen Heller zu borgen. Bedenke doch einmal diesen Leichtsinn! Die journalistische Karriere hat er fahren lassen, ist einer Grille wegen Bauernlümmel geworden ohne Hof und Grund und will als solcher demnächst heiraten.

Denn, mein Alfred, nun sammle dich zur Andacht für das, was kommt.

Heute, am Vormittag, während unsere Leute in der Kirche sind, meine ich, daß man’s wagen könnte mit dem Fuß, über den Hof zu gehen und in die Hausstube, um der Barbel, die allein daheimbleiben mußte, Gesellschaft zu leisten. Es geht leidlich. Sie ist, wie immer, mit etwas beschäftigt. Vor ein paar Tagen hatte die Hausmutter ein Schaf geschlachtet. So ist das Mädel daran, in der Feuerpfanne das Schafsfett zu „zerlassen“ und dasselbe in Kerzenmodeln zu gießen, durch welche die Dochte schon gespannt sind. Die also gefüllten Blechcylinder hängt sie vors Fenster hinaus, wo das Zeug nach wenigen Minuten gestockt ist, daß es dann als glatte milchweiße Kerzen aus den Modeln hervorgezogen werden kann. Das macht sie so handlich und reinlich, als ob es ihr Fach wäre. Diese Leute können doch alles, was sie anfassen. Ein rechtes Bauernhaus ist wahrlich die Wiege aller Urproduktion und Industrie, ein echter Bauer der ganze Mensch.

Als sie mich mit dem Stocke — ein Dreschflegelstab war es — daherhinken sieht, lacht sie und sagt, ich liefe ja schon wieder wie ein Wiesel.

„Oder wie eine Schnecke, wolltest du sagen, wenn ich ein Häusel hätte.“

„Das wäre schon gar lustig,“ sagt sie, „wenn der Mensch sein Häusel so auf dem Buckel müßt herumtragen.“

„Barbel, das wäre gar nicht lustig. Denke dir, wenn nur eins Platz hätte im Häusel, nur eins allein!“

Darauf hat sie nichts geantwortet, beide sind wir still gewesen. Ich habe ihr bei der Arbeit zugeschaut und weil endlich doch wieder was gesagt werden muß, so frage ich, ob das schon die Hochzeitskerzen thäten sein?

Ob man denn bei einer Hochzeit Kerzen brauche?