„Ist nit sein Ernst, mein du! Dem steckt’s tiefer, als er’s scheinen lassen will. Geh’, sag’ das einer Mutter nit! Was die Kinder müssen leiden, wenn man’s selber kunnt tragen! Tausendmal gern! Daß uns so was hat müssen treffen mit dem Rocherl!“
„Mein Gott, Traudel,“ sagte er, „wir sind halt auf der Welt. Da ist doch das Unglück nichts neues! Wollen denn wir den Himmel schon im Almgai haben? Narr’l, da thät’ ja nachher das Absterben zu hart sein!“
So haben sie am Vormittage miteinander geplaudert beim Herdfeuer. Und zu Mittag, wie die anderen von Hoisendorf heimkommen, bringen sie den Brief mit. Vom Soldaten. Die Hausmutter hat uns für denselben Mittag Leinölkrapfen bereitet gehabt, die sonst so gut sein sollen. Haben uns nicht geschmeckt. Der Valentin liegt krank im Spital zu Laibach im Krainerland. Was ihm fehlt, das schreibt er nicht. Immer an „heim“ muß er denken. Immer an heim! — Der zuerst anhebt zu brüllen, das ist der Franzel. Den Rocherl stoßt’s bloß in der Brust. Die Mutter hockt im Ofenwinkel, reglos, wortlos. Der Vater hat größere Augensterne bekommen, daß man das Weiße nicht mehr sieht. Die Barbel steht ganz ruhig am Winkelkasten und schaut mit ihren runden, betrübten Augen zum Fenster hinaus, und die Hände hat sie über der Schürze gefaltet.
Jetzt, Knecht, zugereister, mach’ dich einmal nützlich! Also fange ich an zu trösten: „Spital! Was weiter? Bin ich zweimal im Garnisonsspital gewesen, einmal vier, einmal sechs Wochen lang. Da fehlt einem gar nichts, als das bissel Gesundheit. Man hat sein warmes Bett, sein Stückel Fleisch und seinen Doktor. Und wird bedient wie ein Graf. Wachzustehen braucht man nicht, zu exerzieren braucht man nicht, hört keine Flucherei, weiß von keiner Strafe und die Zeit vergeht doch. Manchmal geht’s gar lustig zu im Spital: schwatzen, karteln, rauchen, feinsten Kommißtabak, versteht sich, nachher Geschichten erzählen und allerhand Narreteien, zum Kugeln vor Lachen. Ich sage nur das: manchem ist gar nicht gut, wenn ihm wieder gut ist und er heraus muß!“
Ich glaube, Philosoph, diesmal habe ich mir meine Suppe redlich verdient, mitsamt Salz und Kümmel. Die Angesichter haben sich schier aufgeheitert, wie ein Regenhimmel, wenn der Ost zieht.
„Ich denk wohl auch, daß es nit so arg sein wird,“ meint der Hausvater, der überhaupt eine leichte Achsel hat auf die er das Schwerste legt.
Eine solche Achsel, wenn die Hausmutter hätt’! Diese ließ es sich nicht nehmen, daß der arme Valentin schwere Not würde leiden müssen. Es wäre ja ein alter Brauch, daß man die Soldaten schier verhungern ließe.
„Wenn er nur Hunger hat, auf dem Krankenbett!“ sagte der Vater, „wenn er nur recht Hunger hat, nachher kommt er uns wieder!“
„Schreibt er nit um Geld?“ fragte die Mutter. Der Rocherl, der den Brief gelesen, verleugnete auf einen Wink des Vaters die kleine Zeile ganz unten am Rand.
„Noch nit einmal hat er um Geld geschrieben!“ erklärte die Mutter.