Den größten Teil des vorigen Sonntags habe ich brütend über einem alten Buche zugebracht, das sich in einer wurmstichigen Truhe des Hauses gefunden. Es ist eine Erd- und Geschichtbeschreibung vom Gesichtswinkel eines alten Scholastikers aus. Weiter nicht der Mühe wert, wenn ich in demselben nicht meine — Ahnen entdeckt hätte. Kann mir darauf schon etwas einbilden! Zur Hohenstauffenzeit haben die Trautentorffer schon eine Rolle gespielt. Ein „Hannus Trautentorffer“ ist damals zu Augsburg gevierteilt worden. Der Mann scheint die Durchfuhrszölle etwas zu eigenmächtig und zu energisch eingetrieben zu haben, bei reichen Kaufleuten, die durch den Spessart zogen.

Unser Rocherl guckt auch manchmal gerne in ein Buch, so habe ich den Namen durch einen Tintenklex bemäntelt. Wenn der Adam, dessen Ahnen wohl seit Jahrhunderten die Scholle bebaut haben, wüßte, daß ich die meinen in Tinte rein zu baden Anlaß habe!

Ob meine alten Bärenfleischfresser wohl einmal davon geträumt haben werden, daß für einen ihrer entarteten Urenkel die Zeit dünner Erbsensuppen kommen wird!

Nie habe ich eigentlich gewußt, was das heißt: Fastenzeit. Und nie habe ich darüber nachgedacht, obschon sie jeder Kalender sieben Wochen breit aufzeigt. Jetzt bin ich mitten drinnen. Die Erbsenwoche ist übrigens schon vorüber. Da hat die Hausmutter so unentwegt Erbsen auf den Tisch gebracht, daß der Rocherl das Wort Erbsünde davon ableitete. Nun sind die Wasserwochen, als Folge der Erbsünde gleichsam die Sündflut. Des Morgens, des Mittags, des Abends — nichts als Wassersuppen, bisweilen ein wenig mit Butter gefettet, an Freitagen aber vollkommen pur, mit Ausnahme des Zwiebelbeigeschmacks, der Hauptwürze in der Fastenzeit. — Der gute Adam! Wenn der zur Fastenzeit einmal in eine Prälatenküche gucken könnte!

Die Barbel kann schneidern und hat mir schon Jacke und Weste enger machen müssen. Doch merke ich nicht etwa ein Sinken körperlichen Wohlbehagens oder der Kräfte. Die Mäßigkeit, die gute Luft, körperliche Arbeit — man lobt sie auch in den Städten. Dozieren — ja. Probieren — nein. Die Schwielen meiner Hände thun mir schon lange nicht mehr weh. Von meinem noch stark städtischen Schuhwerk hatte mir der Hausvater eines Tages gesagt: „Thu sie nur wieder einmal wichsen, sie verdienen’s. Du wirst dir drin noch die Zehen allmiteinander erfrören.“ Heute trage ich ein Paar vom Valentin; der überschüssige Raum wird mit Stroh ausgefüllt. Auch mit anderen Kleidern versorgen mich die Hausgenossen. Denn der Touristenanzug muß geschont werden, soll ich in demselben einst wiederum bei euch einreiten. — — Diese Gedankenstriche bedeuten Fragezeichen.

Vor einigen Tagen, mein lieber Philosoph, habe ich die Weihe dieses Standes empfangen. Durch allerlei Arbeiten und Obliegenheiten bin ich endlich avanciert bis zum Dunghaufen. Wir führen den Stalldung mit Schlitten auf die Felder. Der Schnee ist auf dem Lande kein Verkehrshindernis, wie die Städter meinen, er ersetzt vielmehr die Eisenbahn und wohin der Landmann seinen Schlitten lenken mag, überall sind schon die glatten Schienen gelegt.

Anfangs hatte ich vor genannter Arbeit nicht geringe Angst. Nichts fürchtete ich so sehr, als den Dunghaufen, der übrigens recht harmlos im Hofe liegt. Niemand zeigt vor ihm einen Abscheu und die Leute, die daran arbeiten, kommen vom Brunnen mit reinen Händen in die Stube. Als ich mit der dreispießigen Gabel das erste Mal hineinstechen mußte, dürfte ich ein ähnliches Gefühl gehabt haben, wie der Soldat, der das erste Mal ins Feuer zieht. Ein Ding, das meiner Militärzeit nicht blühte. Es muß doch die Baronin Suttner dahinterstecken, daß es zu so gar keinem ordentlichen Kriege mehr kommen will. Für die Zeitungen wird dieser Zustand schon zur Kalamität. — Freilich, meine Hausmutter, die betet jeden Abend vor dem Einschlafen ein herzblutiges Vaterunser um den Frieden. Wer ein liebes Kind bei den Soldaten hat, der denkt in dieser Sache anders, als ein abonnentenhungeriger Zeitungschreiber. Wenn’s einmal wirklich ums Vaterland geht, da rückt der Bauer wild aus. Für eine politische Großmacht, für die Eroberung türkischer Provinzen, oder für eine Million Soldaten, die durch ihre Gewehrläufe Friedensschalmei blasen sollen, hat der Bauer nicht um einen Groschen Verständnis.

Und nun zurück zur Goldgrube. Sie hat, das wird niemand leugnen, einen starken Geruch. Einen starken, man könnte auch sagen: würzigen. Die Stadt hat schlimmere Wohlgerüche. Weißt du, woran das gemahnte, als ich hineinstach? An die feinen Käse nach einem Diner. Nur schade, daß es hier ein Dessert ohne Mahlzeit ist. — Mein Hausvater schmunzelt. Die dampfenden Schichten sind hübsch speckig und stellenweise blüht daran schöner Salpeter. Wenn uns die Wetter verschonen, so kann’s Korn geben! Bislang siehst du die grauen Felder nur schwarz punktiert mit den abgeladenen Häuflein, dann kommt die Barbel mit der Gabel und streut die Sachen flach auseinander. Dichter älterer Schulen würden singen: Sie streut Rosen aus! — Mich Bauerntölpel dünkt, sie streut Früchte aus. Wir werden’s ja sehen im August.

Heute muß ich dir aber noch eine andere Dunghaufengeschichte erzählen, die sich in Kailing zugetragen hat. Der Kurat, der Lehrer und andere in Hoisendorf wissen davon. Es ist darüber viel gesprochen und viel gelacht worden, aber noch mehr geflucht. Du kannst sie herumzeigen in unserem schönen Chinesien.

Nu man dran.