Sechzehnter Sonntag

Am Ostersonntag, das ist der sechzehnte des Jahres.

Mein lieber, treuer Freund!

Willig füge ich mich dem Vorschlage, in meinen Briefen den Inhalt der deinigen nicht weiter zu berühren. Du willst einheitliche Stimmung haben in den Berichten aus dem Adamshause. So was wie ein Roman! Weiß man’s? Das wäre so etwas! Im Buche läse es sich vielleicht ganz hübsch, in Wirklichkeit ist es manchmal verdammt unbehaglich.

Zeige mein vertrauliches Tagebuch nur nicht her. Es würde mich für alle Zukunft unmöglich machen. Höchstens drucken lassen, wenn du willst. Da glaubt’s kein Mensch. — In dieser vergangenen Charwoche, wenn ein paar feingebildete Herrschaften hier gewesen wären, oder gar die Redakteure der „Kontinental-Post“! Die hätten einen Brocken gehabt für ihren Witz! Wie Vandalen hätten sie gewirtschaftet in diesem mystischen Reiche.

Die Charwoche ist hier ein großes, einziges Weihefest. Alle weltliche Absicht der Arbeit tritt zurück, aller häuslichen Beschäftigung wohnt eine wundersame Stimmung inne, von der die Weltleute draußen keine Ahnung haben. Hätte ich in meiner Kindheit nicht selbst von diesem Blute Muttermilch getrunken, ich könnte es nicht begriffen, nicht bewundert, nicht verehrt haben, wie den letzten Gruß einer versinkenden Welt. Lache mich nicht aus, Philosoph, manchmal weht es wirklich noch hier wie eine Auferstehung von den Toten. Von längst zur ewigen Ruhe gegangenen Menschen streichen die Seelen umher. — Schon am Montag ist das hölzerne Kruzifix vom Wandwinkel gehoben und auf den Tisch gestellt worden. Abends setzten wir uns allemal an den Tisch und der Rocherl oder der Franzel las ein Stück aus der Leidensgeschichte, die mit großer Ehrerbietung angehört wurde. Erst dann genossen Vater und Mutter den ersten warmen Bissen des Tages. Dabei sind sie in einer Hochstimmung, die manchmal an Verzückung gemahnt. Wie hätte ich das geglaubt! Am Gründonnerstag hatten wir ein größeres Abendmahl von Mehlspeisen und Brunnenkreß-Salat. Nach demselben gingen wir zum Brunnen und wuschen uns die Füße. Und da sah ich, wie die Burschen barfuß über den Rasen hinschritten, der überall schon grünt. Und auch die Barbel that dasselbe, mir schien aber, als berühre sie den feuchten Boden nicht, als schwebe sie wie eine Seele, die nicht erlöst ist. Du meinst, dieser Rasengang werde zur Erinnerung an den Ölberggang des Heilandes geschehen sein. Aber da ist wieder eine jener Stellen, wo das Volk mit seinem Christentum Sprünge macht. Wer am Antlispfingstag (Gründonnerstag) mit nacktem Fuß auf grünen Rasen steigt, den kann im folgenden Sommer kein „Donner derschlagen“. Am Freitag und Samstag saßen wir in der Kirche. Die Fenster, die Bilder sind mit blauen Tüchern verhüllt, das große Kruzifix ist mitten in der Kirche auf den Boden hingelegt und die Leute knieen daneben nieder, neigen sich zur Erde und küssen die Nägelwunden. Kein Glockenklang, kein Orgelton. Während der Geistliche leise murmelnd die geheimnisvollen Ceremonien verrichtet, schlägt von Zeit zu Zeit die Charfreitagsklapper an.

Spät abends am Freitag war’s, in der dunklen Stube daheim, daß mein Adam, sich allein wähnend, am Tisch kniete vor dem Kruzifix, im tiefen Gebete versunken. Und mir schien, ich hätte ihn schluchzen gehört. — Ein schweres Anliegen muß der Mann haben, aber ich komme nicht dahinter.

Und am Samstagmorgen gab’s in Hoisendorf etwas Lustiges. Während der Meßner auf dem Turm anstatt der Frühglocke die große Klapper läutete, lief der Jagdaufseher der nahen Herrschaftswaldungen wie rasend um die Kirche, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und schrie, man möge das verdammte Klappern sein lassen, sonst gäbe es ein abscheuliches Malheur.

Der Lehrer stellte ihn darob zur Rede und war es also das. Der Mann hatte seit Tagen mit vieler Mühe im nahen Forst auf der Tanne einen Auerhahn festgewartet. Und siehe, die Ahnung Nimrods ging in Erfüllung, die Klapper hatte das Tier verscheucht — ein paar Tage vor der Jagd! — Vielleicht wirst du nächstens einen Gesetzentwurf der löblichen Jagdvereine lesen, daß aus Rücksicht für jagdliche Interessen in der Charwoche nicht mehr geklappert werden darf.