„Ich hab’s ja gleich gesagt,“ rief der Kulmbock fast fröhlich aus. „Müssen wir halt einen andern suchen. Und wenn sich doch etwan ein Nachbar dazu sollt’ hergeben, so wird ihm der Adam wohl die Stimm’ zuwenden. Ich laß ihn grüßen.“

Nach diesen klugen Worten ist der Kulmbock mit sehr würdigen Geberden davongetrottet. —

Weißt du aus der Schule her noch etwas vom Palmsonntag? Wie der Herr, einen Palmzweig in der Hand, auf dem Esel in Jerusalem eingeritten ist. Das hat weitere Folgen. Heute bin ich mit einem großen Buschen Felberzweige auf der Achsel in Hoisendorf eingezogen. Das heißt man hierzulande Palmesel sein. Von jedem Hofe haben Bursche solche Buschen herbeigetragen und der Kurat hat sie in der Kirche geweiht. Dabei hatte sich eine sehr dramatische Scene abgespielt zwischen dem Priester und dem Schullehrer. Es war eine Prozession um die Kirche herum; als sie wieder zum Thore hineinzogen, schlug der Lehrer dem Kuraten vor der Nase das Thor zu, so daß dieser laut schreiend im kalten Winde stehen bleiben mußte, während es die Gemeinde stumpfsinnig geschehen ließ. Na, das ist doch stark, denke ich in meinem Kirchenstuhl, das geht zu weit. Wie ich zum Lehrer eilen will, der noch am geschlossenen Thore steht und mit dem Geistlichen draußen disputiert, merke ich, daß sie lateinisch reden. Wenn sie lateinisch reden, dann hat’s weiter nichts auf sich, und ist es richtig eine kirchliche Ceremonie gewesen, deretwegen sich der Knecht, der zugereiste, bei einem Haare tüchtig blamiert hätte. Der Auftritt soll wohl den Konflikt des Heilandes mit den Schriftgelehrten und Pharisäern bedeuten, die den Propheten und Seher zu aller Zeit aus ihrer Gemeinschaft verstoßen haben.

Allmählich schleicht sich mir bei solcher Umgebung ein klein bißchen Religion ins Herz. Du hast einmal den Ausspruch gethan: Bis der Mensch siebzig Jahre alt wird, lernt er Gott erkennen. Beim Bauernknecht dauert’s nicht so lang, ich versichere dich! — Ich bin auch schon in Stadtkirchen gestanden, um bittweise mit der Gottheit anzubinden. Es war nichts, sie fand mich nicht und ich sie nicht. Wenn man aber in Dorfkirchen steht, da steht man nicht lange — man kniet nieder. Die gläubigen Beter ringsum, man fühlt sich mit ihnen in einer leidenden Einheit. Die kirchliche Passionstrauer, die heute begann, hat etwas Berückendes, man muß es nur sehen, wie die armen, kummervollen Menschen sich den heiligen Geheimnissen hingeben. O nein, die Religion ist durchaus kein überwundener Standpunkt, wie manche meinen, sie ist Natur, gehört zur Menschennatur, wie das Lieben und das Hassen.

Nach der Messe, die heute nur unter gedämpftem Orgelton stattgefunden, schritt der Lehrer leise von Bank zu Bank und teilte an die Leute „Palmzweige“ aus. Der Tolpatsch, warum er meine Barbel übersehen hat?

Auch sie hat ihr Gesicht von ihm abgewendet, ganz hinter dem Pfeiler ist sie gesessen. Sind ja sonst doch einmal so gut miteinander gestanden. So viel ich merke, liest sie auch keine Bücher mehr von ihm. Gegen mich ist der Lehrer etwas ungleich. Manchmal, als hätte er einen Groll, und heute hat er mir doch einen der schönsten Zweige in die Hand gegeben. Was soll ich denn damit anfangen? Den großen Buschen, den ich getragen, hat die Hausmutter nachher auf dem Dachboden unseres Hauses verwahrt. Im Sommer, wenn die Wetter blitzen, legt man — sagt der Rocherl — davon in die Herdglut und der aufsteigende Rauch treibt aus den Wolken die böse Macht davon.

Wofür nur soll ich meinen Zweig aufbewahren? Wäre es schon die Palme für das Märtyrertum? Oder soll der Palmsonntagszweig mich schützen vor einer bösen Macht? O Barbel! Was wird das werden im Sommer, wenn die Wetter blitzen?

Aus dunklem Mittelalter grüßt dich, Freund, wie ein kleines, rotes Lichtlein ein Menschenherz.