Achtzehnter Sonntag
Am achtzehnten Sonntage.
Jetzt sind sie da. Der Mai und der Michelmensch. Der erstere macht mich zu einem sehr reichen Manne. Jetzt, Alter, kann ich dich wahrhaftig einladen. Jetzt steht der Empfangssalon bereit. Sogar in unserer Hausstube heben auf Kästen und Truhen die gemalten Blumen an zu blühen, wenn zum Fenster hinein die Sonne draufscheint. Und erst gar draußen!
Es ist wohl sehr zu unrechter Zeit, wenn der Herausgeber der „Kontinental-Post“ jetzt Versuche macht, mich in die Stadt zu locken. Und er macht sie. Beehrte mich mit einem entzückend liebenswürdigen Brief. Es bedürfe einer weiteren Probe nicht mehr, schmeichelt er, den Beweis, daß ich ein Charakter bin, der Wort zu halten versteht, hätte ich ja glänzend erbracht. Alle Achtung! Ich möchte nur zurückkehren in das menschenwürdigere Leben der Kultur. Die Stadt liege jetzt wie in einem Paradiese da, mitten in ihren blühenden Gärten. Das glaube ich ihm aufs Wort. Hier haben wir ja auch ein Paradies und sogar einen Adam drin. Wenn nicht auch eine Eva. Ein Mann, so schreibt mein Stein von Stein, der mit so tapferer Selbstverleugnung für sein Fach praktische Studien gemacht, werde seinem Blatte doppelt wert sein. Der könne schließlich wohl auch mit Recht auf eine thunliche Gehaltserhöhung pochen und man würde kaum ermangeln, seinen etwaigen diesbezüglichen Wünschen zu entsprechen. — Wie schön doch dieser Vogel jetzt singt! So schön hat er noch nie gesungen. Ich, natürlich, bin stockblind für meinen eigenen Vorteil und danke ihm bestens für das gütige Interesse an meiner Person, könne aber seinem väterlichen Rate leider nicht nachkommen, weil meinem Dienstherrn versprochen worden sei, das ganze Jahr bei ihm zu bleiben. Übrigens ginge es mir nicht schlecht, hätte meiner Tage nirgends so viel gelernt, als hier, und auch nirgends so viel verdient! — Es wird ihm unendlich leid sein. Natürlich um die zwanzigtausend Kronen. —
Der Michelmensch hat es sich allerdings nicht ganz so einrichten können. Der Michel ist in hiesiger Gegend über sechzig Jahre Bauernknecht gewesen, die Michelin sechsundvierzig Jahre Bauernmagd. Zwanzig Jahre lang sollen sich die zwei geliebt haben — heimlich natürlich, am Fensterlein. Als ihnen das langweilig wurde und als das Gesetz allgemeiner Heiratsberechtigung kam, haben sie sich auch öffentlich zusammengethan und heißen seither der Michelmensch. Arbeitsfähig waren sie immer gewesen, erspart jedoch hatten sie sich gar nichts. Der Michel war ein Lump gewesen und hatte alle Sonntage nach dem Amte beim Kirchenwirt ein Seidel Wein getrunken. Die Michelin hatte ihren Jahrlohn ans Kind verbraucht. Ein Knabe war’s, der frühzeitig als Almhirte selbst sein Brot erwarb und in seinem elften Lebensjahre eines Tages bei plötzlich eingefallenem Schneegestöber erfroren ist. — Das der Lebensumriß dieser zwei alten Leutchen, die nun als Bettelleute von Haus zu Haus ziehen und in jedem der Höfe je acht oder vierzehn Tage verpflegt werden müssen. Dir ist das „Einlegerwesen“ wohl aus Morres Volksstück „’s Nullerl“ bekannt. Nun im Theater rührt es gelinde und macht guten Appetit fürs Souper. Hier jedoch —.
So ist der Michelmensch auch in das Adamshaus gekommen. Einen großen Buckelkorb, für den breiten Rücken eines Waldholzknechtes gebaut, haben die zwei so getragen, daß das eine Tragband ihm über die rechte Schulter, das andere ihr über die linke ging. Mitsamt den Handstecken hatte dieser „Michelmensch“ somit sechs Füße und vier Hände, zwei Köpfe und einen Korb. Recht gesprächig waren die kleinen, ganz eingeschrumpften Leutlein, als sie im Hause angekommen. Der Michel setzte sich behäbig wie ein alter Ausgedingler in den Herdwinkel, nickte beständig mit dem weißen Köpflein, schaute unverwandt seiner plaudernden Alten ins Gesicht und begleitete ihre Ausdrücke mit Mienenspiel, so daß er den zahnlosen Mund aufmachte, wenn sie lebhaft sprach, daß er seine Stirn runzelte, wenn sie sich über die Roheiten eines Nachbars beklagte, und sein runzeliges Antlitz gemütlich ins Breite zog, wenn sie die Mildthätigkeit einer Bäuerin rühmte. Die Michelin wollte sich im Hause gleich nützlich machen und langte überall zu, gleichsam als möchte sie den Adamsleuten die Güte erstatten, daß ihr Michel so warm im Herdwinkel sitzt und extra einen Mehlbrei bekommt, weil er bei Tische schon gar nichts mehr beißen kann.
Nachher haben sie sich in meiner Stallkammer eingeheimt. Die Michelin packte den Korb aus: Wollkissen, Hauspatschen, eine Menge von Schächtlein, Töpflein und Fläschlein, blankes Eßzeug, Nähzeug, Seife, Kerzenstümpfchen, Heiligenbildchen, Rosenkränze und anderlei Sächelchen. Alles mit großer Sorgfalt eingemacht und jetzt mit zärtlicher Liebe von allen Seiten betrachtet, ob wohl auch nichts Schaden genommen habe. Nie habe ich an Menschen eine so wahrhaft herzinnige Freude an ihrem Eigentume beobachtet, als diese zwei Bettelleute an dem Inhalte ihres Korbes hatten. Der Alte war geneigt, mit den Gläslein oder Krüglein kindisch zu spielen, sie nahm ihm die Dinge bald aus der Hand, reinigte sie mit einem Lodenlappen und that sie wieder in den sicheren Winkel des Korbes.
„Was glaubst denn, du Lapperl!“ sagte sie zärtlich schmollend zu ihm, „so ein Krügerl darf man ja nit z’samschlagen! Das gehört ja freilich wohl dem Hieserl, wenn er kommt.“
Da kicherte der Alte: „Kommt ja nimmer. Ist ja maustot, der Hieserl!“