Zuerst hat’s mich so mächtig hin- und hergeschleudert, daß der Rocherl laut auflacht. Ganz hinten drein geht die Barbel mit der Haue, um die schlecht gelegten Furchen zu gleichen und vom Arling übersprungene Rasenteile umzuhauen. Je schlechter ich’s mache, desto mehr hat das Mädel zu thun. Du kannst dir denken, wie mich das spornt zur äußersten Anstrengung meiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten. So schauderhaft der Anfang gewesen ist, durch Fleiß und Übung gelang es — ich kann nun ackern.
Ein Bauernknecht, der ackern kann!
Und dieser Erdgeruch! Dieser köstliche Erdgeruch! Das haucht einem so frisch und kühl, so erdharzig ins Gesicht! Ich möchte dirs beschreiben und kann nicht. Als ob man von Rheinwein ganz leicht berauscht wäre, so herzhaft mutet das an, so herzhaft und urstärkend, wenn Erdsegen aufsteigt. — Dieser Lebenshauch, ich habe bisher keine Ahnung von ihm gehabt. Zum Aufjauchzen, so froh!
Auf steilen Feldern ackert man mit dem angedeuteten Hin- und Herfurchen natürlich von unten nach oben. Und während wir mit dem Pflug auf die Anhöhe kommen, rückt unten schon der Adam mit dem Säetuch dran. Und wie der ältliche Mann unbedeckten Hauptes in Demut und Würde zugleich über die braunen Schollen dahinschreitet und sein Korn der Erde opfert — so kommt mir das ganz weihevoll, priesterlich vor. Die erste Hand voll Korn, die er ausgestreut, hat er vorher andächtig emporgehoben zu seinen Lippen. Geküßt hat er die Körner wie ein Heiligtum! — So war mir noch nie bisher im Leben, als an diesen Tagen. Als ob ich heimgefunden hätte! Als ob der verlorene Sohn endlich wieder in seiner uralt heiligen Heimat wäre! Ja, Freund, ja, das ist der alte große Adelsstand. Zuerst der Gottschöpfer und gleich unterhalb sein Handlanger, der Bauer. Wer seine eigene Hand in die offene Furche der Erde legt, der muß dran glauben.
Nach dem Pflügen das Säen, nach dem Säen das Eggen, wodurch mit der „Aren“, wie man die Egge nennt, der Same ins Erdreich gekämmt wird. Dann lassen wir’s stehen. Lassen es stehen, stellen uns seitab an den Rain und beten um Regen und Sonnenschein. — Kein Mensch sieht sich mit seinem Thun und Lassen so unmittelbar auf Gott angewiesen, als der Landmann. Düngen, pflügen und säen, ja das kann er. Aber das ist all noch nichts. Das Korn, das er in die Erde gestreut, verwest und er ist ärmer, als vorher. Was nun anfängt zu geschehen und zu werden, das wird ohne sein Zuthun. Er kann nicht fördern und nicht hemmen, ganz ohnmächtig muß er zusehen, was da wird oder nicht wird unter der wechselnden Sonne, unter den träumenden Wolken des Himmels. Es ist wohl sein Anlaß, aber es ist nicht sein Werk. Und weil der rechte Bauer schon einmal nicht müßig sein mag und doch zur Förderung seiner Sache auch nicht weiter Hand anlegen kann, so legt er diese Hände aneinander: Vater unser! Gieb uns unser tägliches Brot!
Ich glaube, wenn der Bauer Atheist wäre, es könnte auf seiner Erde nichts mehr wachsen. Fromm glauben und gut düngen! — Und den alten Herrn mit dem weißen Bart und dem Dreieck über dem Haupte — laßt ihn uns stahn, ihr werten Weltweisen allsamt. Und sollte er schon nicht sein, so thut er noch in seinem Nichtsein den gläubigen Menschen mehr Gutes, als ihr in eurer körperlichen und geistigen Wesenheit selbander! —
Ich werde es übrigens bald erfahren müssen, daß wir das Gedeihen doch auch sonst noch fördern können. Wir werden in nächster Woche schon mit der Haue über das junge Feld gehen und die Erdklumpen klein schlagen; wir werden das Unkraut jäten, wir werden den grünenden und reifenden Acker vor den äsenden Tieren schützen bis zu dem Tage, da mit klingender Sichel die Frucht darf in Empfang genommen werden.
Der zugereiste Knecht trägt jetzt ein äußerst grobes ungebleichtes Rupfengewand vom Valentin. Luftig ist es. Auch die anderen Mannsleute der Gegend tragen des Werktags solche Leinwand am Leibe; die Hoffärtigeren pflegen es sich in Kailing blau färben zu lassen, daß man den Erdstaub dran nicht so sollte merken können. Rock brauchen wir keinen mehr. — Loses Linnen über den Gliedern. Wüßtet ihr, was das für ein prächtiges Tragen ist! Wie sich’s drin frei atmet, kühl arbeitet und ungebunden lebt! Wenn die vornehmen Leute sich einmal bewußt würden, was für ein Unglück ihr Modegewand ist! Wenn sie diese unglaublichen, diese tragisch komischen Fesseln inne würden! Durch solche glatte, farbgetränkte, zwei- und dreifache Futterale kann auch keine Krankheit und keine Sünde ausdunsten. Bleibt alles drinnen. Ihr Städter thut geringschätzig über die Hemdärmeln. Wem vor dem Hemdärmel graut, dem graut vor dem Arm. Vor der Hand Arbeit. Merkst du, wie das wieder ähnlich klingt: Arm-bieten, Arm-beiten, Arbeiten.
Hierin verstehe ich unser schönes Mädel nicht. Sie trägt noch immer ihre wulstige Winterjoppe. Der Hausmutter ist das auch nicht recht, ihr hat die Barbel aber gestanden, sie hätte das kurze Sommerjackel der armen Lucknerin geschenkt, daß dieselbe ihrem kleinen Kinde eine Wiegendecke daraus machen könne. Die Bettelleut’, wenn sie kommen, richten es gerne so ein, daß sie die Barbel im Hause treffen. Da soll allemal am meisten abfallen. Und sonst auch. Das Mädel versteht gütig zuzuhören, wenn sie ihre Nöten klagen. Und wenn sie dazu ein gutes Wort sagt, ein teilnehmendes, trostreiches, so ist das ein Almosen für sich. Es wird wohl so sein, wie mein Adam einmal gesagt hat: Das Teilgeben ist schon gut und das Teilnehmen ist noch besser.
Der Michelmensch, der doppelte, ist auch vernarrt in dieses Mädel. Besonders er steckt ihr manchmal ein Sträußchen junger Maßliebchen zu. Das muß er freilich hinter dem Rücken seiner Alten thun. Weil aber die alten Weiber auch hinten Augen haben, so ist es die Michelin einmal gewahr worden, was der Michel heimlich thut und hat ihm ein abscheuliches Wetter gemacht. Darunter ist das abgedörrte Alterchen ordentlich aufgethaut. Kannst dir denken, wie das einem Achtzigjährigen wohl thut, wenn er noch imstande ist, bei der Eheliebsten Eifersucht zu erregen. Und daß das Mädel diesem ihrem neuesten Buhlen ein besseres Auge zeigt als mir, mag ich schließlich nicht verwinden.