„Von jetzt ab, Bruder, wirst du kein Thor sein, gelt! Versprich mir’s. Es wäre zu dumm. Willst schon mir nicht trauen, weil ein Mann den andern kennt, so schau’ bloß sie an. Du mußt am besten wissen, wie gern sie dich hat.“

„Davon habe ich Beweise,“ murmelte er und sah jetzt auf die Berglehne hin.

Wir waren umgekehrt und gingen über die Matten hin, wo wieder Sonnenschein lag.

„Du mußt ja schwer getragen haben, an deinem Geheimnis,“ sagte nach einer Weile der Lehrer. „Siehst du, mir geht’s nicht besser.“

„Mir scheint, Guido, du hast auch etwas.“

„Jedem wird’s halt nicht so leicht, das Auspacken,“ entgegnete er. „Und wäre doch so glaublich! So verdammt glaublich, daß die Leute es gewöhnlich früher glauben, als man’s sagt.“

Das war so die Einleitung. Und es bedurfte einiger Lockreden meinerseits, bis die dunklen Dinge am Tageslichte standen. Du wirst mir schon verständnisinnig, Philosoph. Das ist bösartig von dir. So leicht soll’s dir nicht werden. Höre nur einmal die Historie von Guido Winter, Volksschullehrer zu Hoisendorf. Auch ein Stadtmensch, der auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Brotjagd ins Gebirge kam.

Soweit ganz regelmäßig, daß er kleinbürgerlicher Abkunft ist, eines Seilermeisters Sohn aus Lansach, und seine Studien kümmerlich vollendet hat bis nahe an die Grenzen des Doktors der Juristerei. Nun ist aber dieser Seilerssohn ein Strick, der sich nicht fügen will. Zwar wohl den Vorgesetztem aber nicht den Kollegen. Da hatte der Mensch, von des Gedankens Blässe angekränkelt und schief gewickelt, wie er stets war, die Dreistigkeit, bei einem Studentenkommerse folgende Rede zu halten: „Kommilitonen! Ich liebe euch unbändig. Was aber die Saufcomments und Mensurenrempeleien anbelangt, so sind dieselben nichts, als studentische Philisterei. Zum Trinken läßt sich kein Ochse kommandieren und schlagen mag sich, wer Schläge haben will. Ich nicht, hört ihr das? Mein Antlitz ist entstellt von Blattern, doch immerhin noch zu gut, als daß mir der erstbeste Raufsimpel seine Renommage hineinschnitzeln dürfte! Ich habe den Mut zu sagen, daß ich keinen habe!“ — Dieser Mut, keinen zu haben, war allerdings gefährlicher, als so ein paar Semesterpaukereien. Er ward verhängnisvoll. Die Studentenschaft hatte den Guido Winter natürlich sofort „gesteckt“. Als Ausgestoßener war er auch in der guten Gesellschaft der kleinen Universitätsstadt unmöglich, wo er durch Stundengeben bei dämlichen Hausherrensöhnen sich schlecht und recht fortgeholfen hatte. Er mußte die akademische Laufbahn aufgeben und sich ein anderes „Fortkommen“ suchen. Noch von Glück konnte er singen, daß es Volksschullehrerstellen giebt, wovon eine hinten, weit hinten im Almgai provisorisch ergattert wurde. Dreihundert Gulden Gehalt und „Naturalien!“ Sapperlot, war das ein Schwein! Und ein gesammelter Bücherschatz dazu. Und trotzdem wäre er verloren gewesen in den Einöden dieser Berge, wenn er nicht eines noch zu eigen gehabt hätte — die Jugend. In der ersten Zeit ging es ganz wohlgemut; je länger er in Hoisendorf saß auf dem kleinen Schulhause, desto fremder kam er sich dort vor. Dem Stadtkind fehlte der eigentliche Hang zum Lehrfache, es fehlte ihm das Verständnis für Ländliches und sein Sinn für das Volkstümliche erstreckte sich nicht viel weiter, als bis zu dem lieblichsten aller Bauerndirnlein. Als er nach Hoisendorf kam, saß sie noch in der Schulbank und hatte sauber in ihr Lesebuch geschrieben: Barbara Weiler. Sein erster Gedanke, als er sie sah: das ist ein herziger Fratz. Und später — ob sie mit ernsthaften Augen dem Lehrer die trautsamen Worte gleichsam vom Munde sog oder ihn wegen mancher Ungeschicklichkeit im Haushalte weidlich auslachte, oder ob sie ihm flink eine kleine häusliche Arbeit verrichtete oder irgend ein Buch von ihm entlehnte — wußte er schon passendere Bezeichnungen für sie. Als sie aus der Schule trat, riet er ihr, im Lesen und Schreiben sich fleißig zu üben. Demnach las sie manchmal so ein bißchen aus seinem Peter Hebel und Schiller und schickte ihm durch den Bruder Franzel die Bücher allemal mit einem artigen Dankbrieflein zurück. Ob bei diesem Bücherentlehnen die Dankbrieflein nicht Hauptsache waren? So hat sich das sachte angesponnen, sachte und arglos — und auf einmal war es da. Die erste Offenbarung war eine auffallende Befangenheit. Wenn sie sich am Sonntag sahen und begrüßten, wurde sie rot im Gesicht und er stolperte auf ebenem Platz. Na, ich werde dir etwas schildern, was seit Adam und Eva das gleiche ist! Aber es ist ja schrecklich merkwürdig, wie sie einmal im Mai an der Kirchhofsmauer gerade unter blühendem Holler zusammengerieten und er ihr in einem Kusse fast die Augen austrank. Das hatte der dumme Junge arg zu büßen. Von nun an mied sie ihn, wie die versengte Katze das Feuer und er wußte sich in der unsinnigen Feuersbrunst keine Hilfe. Den ganzen Sommer war — nach des Lehrers Aussage — nichts, als ein wildes Herz und ein dummer Kopf. Und dann im Frühwinter. Guido kommt von einer Lehrerversammlung in Kailing nach Hause, findet seine Stube warm geheizt, voll von Weibern und in seinem Bette liegt die Barbel! Liegt die Barbel fröstelnd und lachend. War das Mädel auf einem Gang zum Krämer über den vereisten Steg in die Rechen gefallen, zur knappen Not von einem Holzfuhrmann herausgezogen und in dieses nächstbeste Haus getragen worden. Freilich ist noch an demselben Tage der Adam mit einem Karren da, auf den die in ein halbes Dutzend Bettdecken gewickelte Barbel gelegt und mit zwei Ochsen bergwärts geführt wird. — Das hilft nichts, der Lehrer ist doch verrückt. Ein paar Tage später geht er hinauf ins Gebirge und kommt natürlich zum Adamshaus. Er möchte ein wenig rasten, aber er ist nicht müde. Er möchte sich ein bißchen wärmen, aber ihm ist nicht kalt. Da denkt er: Nachfragen bei ihren Eltern, wie’s ihr geht, ob sie sich schon ganz erholt hat, das schickt sich doch. Die Eltern waren nicht im Hause, sondern in der Scheune beim Futtermachen. In der Stube beim Spinnrad saß das Mädel. Ganz allein — mutterseelenallein ist sie dagesessen in der Stube und hat gesponnen. Zuerst hat er nichts gesagt, dann ist er auf sie zugestürzt: Lieb hab ich dich! Lieb hab ich dich! — Und ist wahnsinnig geworden.

Und soll es geschehen sein zur selbigen Stund’, daß sie sich voreinander nicht haben erwehren können.

So weit, mein Freund, hat er erzählt. Gegen Ende hin unsicher tappend, wie viel er verschweigen darf und wie deutlich er sein muß, um verstanden zu werden.