Die Herren dort drüben auf der Au richteten sich an zum Abzuge. Die Agatl merkte es und sagte leise und vertrauensvoll zum jungen Doctor: „Wollt’ gern, Du bliebst bei mir bis zum Abend!“
Groß und innig war das Auge, mit dem sie ihn jetzt anblickte, und ein Hauch der Schwermuth lag in dem Worte: „Ich wollt’, Du bliebst bei mir!“
„Du herziges Kind!“ lispelte Willibald, „meine Kameraden mögen ziehen, wohin sie wollen, ich bleibe bei Dir!“ Er drückte ihr wieder die Hand — die rechte und die linke, und preßte sie und walkte sie eine Weile in der seinen. Sie sah ihm dankend in das Angesicht.
Die übrigen Herren hatten mit ihren funkelnden Instrumenten noch allerlei Beobachtungen angestellt; sie hatten das Wasser der Quelle geprüft — es roch aber nach gar nichts. Sie hatten herumgehämmert an den Steinen und nichts gefunden, als daß sie Funken gaben, wenn man in sie dreinhieb. Und endlich hatten sich die Forscher zwischen den Zerben und Schwaighütten hin verloren.
Herr Doctor Willibald blieb zurück. Er sah in stiller Glückseligkeit dem flinken, heiteren und blühenden Mädchen bei dessen Arbeiten zu. Sein Auge ergötzte sich an ihrem glatten, schlanken Halse, an welchem auch nicht die mindeste Spur von einem Kropfe war, wie solche doch der Naturbeschreibung nach in Steiermark gut gedeihen sollten. Er ergötzte sich an ihren Flachshaaren und trillerte sogar das Liedchen, er wolle wegen „dem Dirndl sein Flachshaarl ein Spinnradl werden“. Er ergötzte sich an ihrem rothen Lippenpaar, zwischen welches sie ein Steinnelkchen gelegt hatte. Er ergötzte sich an ihren runden Armen, über welche die weißen Aermel zurückgeschlagen waren bis über das Grübchen des Ellbogens hinein. Er ergötzte sich an der jugendlichen milden Hebung des Busens, an der ganzen anmuthsreichen, geschmeidigen Gestalt. Mit einem Wort, er ergötzte sich an der Almerin.
Als es draußen endlich zu dunkeln begann und der Gelehrte noch immer in seine Naturstudien versunken war, kam der Hirte mit den Kühen von der Weide und leitete sie in die Ställe; kam auch ein junger Bursche mit einer Gemse auf dem Rücken den Berg heran und fragte unsern Willibald, ob er in der Hütte übernachten wolle. Dieser brummte ein unverständliches Wort; der Bursche schritt fürbaß und begab sich rückwärts in den Stallboden. Agatl stand an dem flackernden Herdfeuer und ihre Wangen waren doppelt roth und ihre Augen leuchteten doppelt — sie war doppelt schön.
Schier ein bißchen schämig hatte sie ihren Gast aus den fernen Mitternachtsgegenden gefragt, was sie ihm aus ihrer kleinen Vorrathskammer für den Abend vorsetzen dürfe. „Agatl,“ hatte der Herr geantwortet, „ich esse mit Dir aus Einer Schüssel.“
Darauf war der Abend immer dunkler und die Schwaigerin immer verlegener geworden. Sie hatte ein vielgroßes Anliegen. — Aber es ist halt schwer, mit so einem weltfremden Herrn. — Freilich ein großer Gelehrter! Wissen thät’ er sicher was gegen die böse Sach’....