Diese Silberlinge!

Diese sollen noch von dem dreißigjährigen Krieg hergerührt haben — vielleicht eines braven oder schlimmen Söldners Sold; den Besitzer wechselt das Geld, aber es ist ihm niemals anzusehen, in wessen Händen es gewesen ist; und so weiß man auch von der Geschichte der Silberlinge nichts Rechtes. So viel steht fest: aus jener kriegerischen Zeit stammend, waren sie gewohnt, vergraben zu sein. Und so hielt sie der Sammel — der alte — denn begraben, nicht in einem ehernen Sarge, sondern in einer eisernen Wiege, denn nicht todt waren sie, sondern im Schlafe lagen sie und einer glorreichen Urständ schlummerten sie entgegen. Doch sollten sie — wie Kaiser Rothbart — so lange als möglich schlummern und nur zur Zeit der größten Noth geweckt werden. Das war der für den alten Graben-Sammel alleinseligmachende Glaube und diese Religion lehrte er auch seinem Sohn.

Und als der Alte starb, sagte er zum Jungen: „Mich — thust am besten — grabst ein, aber den Schatz — wenn Du einmal auf ihn anstehst — grabst aus. Er liegt oben unter der Söllertann’ vom Stamm gegen Sonnenaufgang fünf Schuh tief vergraben. Thu’ ihn grüßen!“

Der junge Sammel that’s, legte den Vater in die Kühle und sah sich nach dem Schatz um. Es war in der Richtigkeit, in einem eisernen Topf wohl verwahrt, verdeckt mit Stein, verklebt mit Harz, ruhten friedlich neben einander und über einander die lieben Silberlinge, die Bildnisse jener Fürsten und Feldherren, die voreinst so mörderisch gegen einander Krieg geführt hatten. Der junge Erbe dachte nicht sowohl daran, wer sie waren, sondern weit mehr daran, wie viele ihrer sein mochten im Topfe. Er zählte die Silberhäupter, so ehrwürdig alt, und wieder so jugendlich glatt und klingend. Es war eine große Heerschaar; der junge Sammel hätte damit ohne Blutvergießen einen siegreichen Feldzug halten können. Aber er beschloß, den schweren Eisentopf wieder in die fünf Schuh tiefe Rast zu legen, und nach des Vaters Wort die Recken erst zu rufen zur Zeit der Noth.

Er konnte demnach fröhlich die Ziegen weiden und sorglos unter dem Schatten ruhen — zuweilen sogar bei den Seinen in der Nähe der Söllertanne.

Unter ihr selbst aber nie — schon um keinen Verdacht zu erregen. Die Tanne stand nicht auf seinem, sondern auf des Söllerbauers Grund. Der Graben-Sammel hatte keine Scholle zu eigen. Doch war der Schatz unter der Tanne gut geschirmt, selbst wenn der Baum zusammenbrechen sollte, selbst wenn — kurz in allen Fällen. Der Boden war steinig und unfruchtbar und nur von wilden Büschen bewachsen; da konnte es Niemandem einfallen, zu pflanzen, zu ackern — und selbst in diesem Falle lag die eiserne Wiege so tief, daß sie nicht entdeckt werden konnte.

Es hätte sich Alles fein geschlichtet — wäre nur die Marianka nicht gewesen.

In den ersten Jahren ging’s ja noch. Da gesellte sich der Sammel — wollte er sich überhaupt gesellen — gern zum Förster, der oft durch den Wald kam und Verschiedenerlei zu erzählen wußte von Hirschen, Rehen und Raubvögeln. Je größer der Sammel wurde, desto reizender beschrieb der Förster das Pürschen und desto nachdrücklicher warnte er den Jungen vor dem Wildern. Das verdroß den Sammel, und er ging dem Jäger nicht mehr zu, er lag im Waldschatten und dachte an die Marianka.

„Was lobt er mir denn die Jägerei, wenn sie mir verboten ist! Bei der Marianka hat er nichts zu loben und nichts zu verbieten. Die Marianka, das ist mein Revier.“

Die Marianka war die Tochter des rothen Fok, eines Einwanderers aus dem Böhmerlande, der seit etlichen Jahren beim Söllerbauer wohnte, das Teichgraben, Pechsammeln und Branntweinbrennen betrieb, rothe Haare, einen rothen Bart, ein rothes Gesicht, einen rothen Namen und eben auch die blühende Tochter Marianka hatte.