Alle Anderen wollten einen zweiten Thurm; so stand Einer auf und sprach das Wort: „Geld zusammenschießen!“
Der Mann mußte abdanken.
Endlich hielt ein Dritter eine Rede und sprach: „Wenn, meine Herren, jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird mein erster Herr Vorredner auch zwei Hörner haben —“
Der Mann wurde mit einem „nichtendenwollenden“ Applaus unterbrochen; nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: „Und wenn, meine Herren, der Thurm zur Ehre Gottes erbaut werden soll, so kann und darf das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig! (Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Thurm zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel zum Thurmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in der Kirche an jener Seite, wo der zweite Thurm sich erheben soll, ein Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag. Die Verwaltung der Opfercasse darf unbedenklich unserem ehrenwerthen Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.“
Ueber solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten allsogleich zum Burgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch nicht um.
Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Thurmes wurde in der Kirche aufgerichtet; der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch wurde zum Cassenwart gemacht — und so war der Same gelegt zum Thurme, der sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einem Köpfchen, an welchem die Schwalben allerlei Narretheien und Liebschaften treiben, mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht.
Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche Mann kam — auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für einen Thurm Gottes.
Der Küster waltete treu seines Amtes und war — nebstbei gesagt — nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen — stand ja doch der „goldene Hirsch“ offen zu jeglicher Stunde. Jener goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede verherrlicht hatte: „Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirth zum „goldenen Hirschen“ eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden. Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!“
Der ehrenwerthe Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen eben nicht schwer — ihm war das Trinken schon lieber, als das Küssen — so trank er und trank wie ein Abelsberger.