Ein Abelsberger auf dem Vesuv.

Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden. Indeß ließ er sich nicht bethören von den Reichthümern und Rindern dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so hoch die Kälber auch ihre kleinen Schweife schwangen, wenn sie lustig und flink über die Wiese hüpften — sein Sinn stand höher.

Da hatte er einmal — es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch, die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt — hatte er also einmal durch einen alten Hausirer die Sage von dem feuerspeienden Berge[1] gehört. Und diese Sage hat einen Funken geworfen in sein Gemüth, hat — so zu sagen — sein bißchen schlummerndes Ideal entzündet, und das glühte und brannte nun Jahre und Jahre in den Tiefen seines Herzens, doch ohne daß es Lava spie.

Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin, einmal den feuerspeienden Berg zu sehen und — Ehre seinem Mannesmuthe! — zu besteigen.

Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten.

Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und Guckkastenmänner kamen zu Zeiten in die Gegend, die hatten das Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie. Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort funkensprühende Schornstein der Schmiede im Thale, nicht wie ein wildausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Thor und Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen ungeheueren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! — Das weckte Treibaus’ Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist, darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten.

Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein groß, seine Aeuglein klein, sein Näschen roth und sein Beutel schwer geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: „weit und tief in’s Wälschland hinein!“ zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise interessirte ihn nichts, als der schiefe Thurm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem Munde stand, und die fontana trevi in Rom, wo versteinerte Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spieen.

Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag heißer wurde, er nahte — dem feuerspeienden Berge.

Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht bekannt. —

Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab schlenderte, um mir das seltsame Treiben dieses merkwürdigen Volkes zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte Gesten machen. Ich sah so von Weitem hin, ich sah, wie der Mann keck die Füße auseinander stemmte und mit den Händen zuweilen auf sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des unabsehbar breiten Strohhutes, der das völlig kreisrunde Gesicht des Mannes halb bedeckte, und trotz der nackten Waden über den hohen Bundschuhen, sagte ich nachdrücklich zu mir selbst: „Ich will doch ein Lump sein, wenn das nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!“