Der Eberhard Weisheit hat seiner Väter ehrwürdige Sitten stets geachtet und gehalten, hat in der Christnacht seine Ochsen mit Weihrauch beräuchert, hat hinter den verdächtig aussehenden Bettelleuten Abspülwasser auf den Weg gießen lassen, daß das Gesindel keine böse Macht über sein Haus haben konnte, und so ist er in der Sylvesternacht auch auf den „Kreuzweg“ gegangen, um unter Gebet und frommen Betrachtungen zu ersehen, ob ein armes oder ein reiches Jahr im Anzuge sei.
Es ist arg genug, daß es heutzutage Leser giebt, denen man die Sache des Langen und Breiten erklären soll und noch froh sein muß, wenn sie überhaupt dazu stillhalten.
Wenn man in der Sylvesternacht auf einen Kreuzweg geht, das heißt, auf einen Punkt, wo sich mehrere Wege kreuzen, so kann Einem auf diesem Kreuzwege ein Mann begegnen. Es mag ein weltfremder Mann sein, er mag auch in der Gestalt eines guten Bekannten erscheinen. Man soll ihm nicht ausweichen und soll ihm auch nicht in den Weg treten. Man soll nicht grübeln. Wenn dieser Mann leicht und leer einherschreitet, dann mag man still nach Hause gehen und den Riemen neunmal um’s Geldsäcklein winden, denn es kommt ein schlechtes, armes Jahr. Wenn hingegen der Mann auf dem Kreuzwege unter schwerer Last daher keucht, dann soll man lustig in’s nächste Wirthshaus eilen und sich selbst zur nachtschlafenden Stund was Gutes anthun, wohl auch Anderen was zukommen lassen, denn es wird Alles gut, es wird sehr gut, es kommt ein reiches Jahr.
Also war’s in einer solchen Nacht, daß der Eberhard Weisheit gegen die zwölfte Stunde hinaus auf die Steinheide ging, wo ein Kreuzweg war und wo auch richtig ein hölzernes Kreuz stand, bei dem es nicht selten gespensterte. Es war eine Nacht, in der man nicht gern einen Hund vor die Thür jagte; er war aber kein Hund, er war ein E— Eberhard Weisheit, und dieses Geschlecht hat sich von jeher nicht viel aus Schnee und Sturm gemacht.
Am Kreuze stand er still und ließ sich einmal recht anstöbern.
Es war, als ob auf jedem Wege, wie sie hier aus allen vier Weltgegenden zusammengingen, ein anderes Wetter heranbrauste und als ob Wind und Kälte und Schnee und Eis gerade den Kreuzweg zu ihrem Turnierplatz gewählt hätten. — Weichlinge liegen in den Kissen vergraben und morgen, wenn sie aufstehen, sagen sie: Ein neues Jahr — was wird es bringen? und schauen dumm drein. Der Eberhard wird’s wissen und wird still sein.
Siehe — dort kommt schon was! — Ein schwarzer Punkt im Gestöber, langsam bewegt er sich, doch kommt er näher und näher. ’s ist ein schwerfälliges Wesen, ein Mann, ein unter großer Last tief gebeugter Mann. Keuchend wankt er unter einer Masse, die sich schwer um seine Schultern schmiegt, und wankt vorüber.
Der Eberhard Weisheit hatte anfangs ein Kreuz über Gesicht und Brust geschlagen, hatte dann dieser Erscheinung mit Wohlgefallen zugesehen, und nun sie wieder verschwunden war, ging er ziellos im Schnee hin und her und entschied sich endlich für das Bachwirthshaus. Denn dort pflegten Bergknappen von Seewald späte Zecher abzugeben. Als er hinkam, sah er vor dem Hause am Troge, wo die Fuhrleute ihre Pferde zu füttern pflegten, den Mann vom Kreuzweg stehen und seine Last auf den Trog stützen. Der Eberhard Weisheit trat in die Stube.
„Noch spät auf?“ sagte der Wirth.
„Schon früh auf!“ antwortete der Eberhard.