Nach diesen Worten ließ sich der Staatsanwalt mit fast gleichgiltiger Miene nieder auf seinen Sitz und ergriff eine Bleifeder, um damit zu spielen. Walpa richtete ihr großes Auge auf diesen Mann, der, wie sie sah, da war, um sie zu verderben. Sie bewahrte auch jetzt noch ihre Ruhe, nur fuhr sie sich mit dem Aermel einmal über die Stirne. Sie erwartete nun von dem Richter das Urtheil. Dieser aber sagte kalten Tones: „Der Herr Vertheidiger.“
Sofort erhob sich der schlanke, blasse Mann, welcher in der Nähe der Angeklagten seinen Platz hatte, und blickte zuerst mit bekümmerter Geberde die Richter und dann die Geschwornen an. Plötzlich nun schoß ein Leuchten aus seinen Augen und er begann anfangs in etwas beißender, dann in warmer Betonung so zu sprechen:
„Meine Herren Richter!
Der Herr Staatsanwalt hat sich Mühe gegeben, mir, dem Sie um Milde und Menschlichkeit Bittenden, Ihre Herzen zu verriegeln. Ich jedoch erkläre, daß ich gefühlvoller Herzen gar nicht bedarf, daß ich in diesem heutigen Falle nur Ihre Vernunft anzurufen brauche, um eine Unglückliche zu retten, die erbarmungslos in den Tod gestürzt werden soll, weil sie in der Nothwehr ihren größten Feind getödtet hat. — Nie noch ist mir mein Fürsprecheramt leichter geworden, als heute, da die Verhandlung so klar und deutlich gezeigt hat, daß weder Böswilligkeit noch schmutziger Eigennutz, noch ein anderer Zug eines schlechten Charakters die begangene That verursacht hat. Lediglich die Liebe zum nackten Leben hat dieses Weib auf die Sünderbank gestoßen. Und wer, meine Herren Geschwornen, wer wollte nicht leben! Lebenwollen ist ein Naturgesetz, dessen sich selbst der hinfällige Greis nicht entschlagen kann, geschweige denn ein warmes Blut von siebenundzwanzig Jahren. Sie haben ja gehört, wie entsetzlich der Seizmüller sein Weib gequält hat, wie er sie beispielsweise wochenlang in einer finstern Kammer gefangen hielt, wie er sie schlug und der Untreue und Unredlichkeit zieh, während er gewissenlos alle Rechte der Frau mit Füßen trat. Sie finden in dem Charakter des Mannes nicht einen lichten Punkt; er war ein ganz schlechter Mensch, dessen empörende Rohheiten durch nichts zu entschuldigen, die für ihn selbst zwecklos waren und sogar für den Psychologen abstoßend und völlig interesselos sind. Sie haben gehört, wie dieser Wütherich seinem sanftmüthigen Weibe wiederholt mit dem Todtschlagen gedroht. Der Seizmüller hätte sein Wort gehalten. Hätte die Walpurga, nachdem Alles vergebens gewesen, sich von ihrem Folterknechte freizumachen, das Los ihrer Vorgängerin theilen sollen? Oder, im besten Falle, meine Herren, sagen Sie selbst, ob es für ein junges, lebensheiteres Weib möglich ist, neben einem Menschen, wie dieser Seizmüller war, zu existiren? Und die Freunde, an die sie sich gewendet in der Noth, haben sie verlassen, ja, haben ihr selbst vielleicht den Gedanken des einzigen, letzten Mittels beigebracht. Lag es doch offen da: diese beiden Menschen mußten geschieden werden. Sie waren ja nicht vor Gott, sondern nur vor den Menschen vermählt. Walpurga hatte den Müller nicht geliebt und nicht erwählt; nur ein Opfer war ihr Entschluß, den Mann zu nehmen; dieses Opfer hat sie ihrem verzweifelten Vater gebracht. Aus einer Tugend, aus der Kindesliebe, ist die That entsprungen, die vor der Welt nun als Verbrechen gelten soll. Sie haben bei der Untersuchung gesehen, meine Herren Geschwornen, welche Kämpfe das arme, einsame Frauenherz durchgerungen hat, bis es dem Dämon der Natur unterlegen ist. Wie unsagbar sie, die wohlerzogene und gesittete Frau, gelitten haben mag, das läßt sich freilich in einer Untersuchung nimmer zeigen. Ich sage absichtlich, die wohlerzogene, gesittete Frau, denn im vorliegenden Falle hat der Vertheidiger wahrlich nicht nöthig, auf die beliebten Milderungsgründe einer schlechten Erziehung hinzuweisen. Auch Unzurechnungsfähigkeit und Irrsinn mag ich gern entbehren, denn meine Clientin hat logisch und so gehandelt, wie sie handeln mußte. Allerdings, wäre die Angeklagte mit größerer Intelligenz oder mit weniger Ehrlichkeit begabt, sie wäre nicht in’s Criminal gekommen, sie hätte leicht Mittel gefunden, den Verdacht eines Mordes von sich abzulenken; und der Seizmüller wäre vor den Augen der Welt eines jähen Todes gestorben, wie auch dessen erstes Weib eines jähen Todes gestorben sein soll. Daß aber die Angeklagte ihre That nicht einen Augenblick geleugnet hat, daß sie selbst in dieser Stunde noch ruhigen Gemüthes dasteht, das beweist: ihr Gewissen klagt sie nicht an, der strengste Richter in der eigenen Brust klagt sie nicht an! — Und fällt es Ihnen nicht auf, meine Herren Geschwornen, daß die Vorsehung durch einen Zufall dem armen Weibe, wenn nicht ihre Beistimmung, so doch ihre Gnade geoffenbart hat? Walpurga hat in derselben Stunde, da ihr Peiniger zur Ruhe ging, einem andern hoffnungsvollen Menschen das Leben gerettet. Wollen Sie, meine Herren Richter, den Tod mit dem Tode bestrafen, so müssen Sie auch das Leben mit dem Leben belohnen. — Wenn mein geehrter Herr Vorredner behauptet hat, Sie gäben durch ein mildes Urtheil Ihren Frauen das Anrecht auf eine gleiche That, so sage ich: das, was Sie an dieser Frau strafen, verschulden Sie in demselben Augenblicke in einem viel höheren Grade. Verurtheilen Sie die Angeklagte, so schwören Sie moralisch zur Tyrannenherrschaft des Ehemannes und begehen einen Verrath an den Frauen. Ja, um es kurz zu sagen, Sie begehen einen Verrath an sich selbst, an der Menschheit und Menschlichkeit, wenn Sie nach dem starren Buchstaben ein bedrängtes Herz mit dem Tode richten, das den Tod nicht verdient. Und wenn Sie, meine Herren aus dem Volke, im Pharisäerstolze das Schuldig fällen, dann steige mit der armen Walpurga Wiesamer auch noch manch’ Anderer mit hinauf zum Schaffot, dann sprechen Sie ein Schuldig über Alle, die mit ihrer ganzen Kraft um’s liebe Dasein kämpfen. — Nein, meine Herren, Sie stiegen aus dem Herzen des Volkes empor zum Richterstuhle, und Ihre Stimme ist Gottes Stimme. Gott ist gerecht und gütig und barmherzig — seien Sie es auch, und lassen Sie dieses Weib, das bisher nichts vom Glücke der Erde genossen, das mit heißer Lebenssehnsucht im Auge stumm Sie anfleht — lassen Sie es leben!“
Erschöpft war der Sprecher zurückgesunken auf den Stuhl. Auch die Walpa ließ sich nieder auf ihre Bank. In ihrem Auge stand eine schwere Thräne.
Der Vorsitzende fragte die Angeklagte, ob sie irgend noch was zu bemerken habe. Sie verneinte mit einem Schütteln des Hauptes. So erhoben sich nun die Geschwornen und schritten in einer langen, ernsten Reihe aus dem Saale in das Nebengemach.
Und nun herrschten im Gerichtssaale jene für das Publicum so aufregenden, für den Angeklagten so gräßlichen Minuten des Schwankens zwischen Freiheit und Kerker, zwischen Leben und Sterben. Staatsanwalt und Vertheidiger saßen anscheinend ruhig auf ihren Plätzen, ihrer Worte Frucht gewärtigend. Der Richter saß zurück in seinen Sessel gelehnt und schloß halb die Augen. Die Angeklagte kauerte auf ihrer Bank und bewegte sich nur ein wenig, so oft sie tiefen Athem schöpfte aus ihrer Brust. Ihre Züge waren wie die Wand so blaß. Einen umflorten Blick that sie gegen das Fenster hin, zum hellen Sonnenschein. Dieses liebe goldene Licht — oder die ewige Nacht! — Welches soll nach menschlicher Satzung nun ihr Antheil sein? —
Endlich ging die Thür auf und in einer ernsten Reihe, wie sie hinausgeschritten waren, schritten die zwölf Geschwornen wieder in den Saal und nahmen Platz in ihren Bänken.
Dann wurde das Verdict der Geschwornen verkündet: Auf den Antrag, schuldig zum Tode durch den Strang, hatten eilf Stimmen mit Ja, eine mit Nein geantwortet.
Walpa hatte es gehört. Sie richtete sich auf und mit fester Stimme sagte sie: „Ich bitte nur um Eins. Laßt mir’s wissen, welcher hat mir das Nein geschenkt?“