Rechts vom grünen Tisch, vor einem Pulte, saß auch ein Bekannter. Es war jener Herr, den die Walpa schon zweimal gesehen hatte. Das erstemal vor etlichen Jahren, noch im Wiesenwirthshause; das zweitemal später oben auf dem Zinken bei der Capelle und bei den Zirben. Er hatte damals Manches zu ihr gesprochen, woran sie seither oft und oft gedacht, er hatte ihr ja einen ganz neuen Lebensweg vorgeschlagen — „er hätte es gewißlich gut mit ihr gemeint“.

Heute trug er einen schwarzen Frack, dessen Aufschläge mit silbernen Borten und Knöpfen geziert waren. Er warf nur ein paar kurze Blicke auf die Angeklagte hin, blätterte dann eifrig in den Schriften und Büchern, die vor ihm lagen und schrieb zuweilen mit dem Bleistift etwas auf ein Blatt.

Nicht weit von der Sünderbank der Walpa, neben welcher zwei Gendarmen standen, wieder an einem eigenen Tischchen, saß endlich ein ganz fremder schwarzgekleideter Mann mit dunklem Vollbarte und blassem Gesicht. Auch der hatte ein Buch vor sich liegen, doch stützte er sein Haupt in die Hand und starrte vor sich in das Leere.

Walpa sah nicht um, merkte aber leicht, daß hinter ihr eine große Menschenmenge versammelt war. Diese flüsterte und war unruhig und konnte den Beginn der Verhandlung kaum erwarten. Endlich begann das Verhör. Der Richter fragte die Angeklagte, was sie veranlaßt habe, ihren Mann aus dem Leben zu schaffen?

„Ich habe mir nicht anders zu helfen gewußt,“ antwortete die Walpa.

Hierauf wurde Punkt für Punkt erörtert, von der Werbung des Seizmüllers bis zu dessen Tode, die Mißhandlungen und Rohheiten, die sie zu erdulden gehabt, ihre Versuche, von ihm loszukommen, der keimende und wachsende Gedanke endlich, sich durch das letzte Mittel von ihrem Peiniger zu befreien.

Walpa gab auf die Fragen, die ihr gestellt wurden, kurze, aber entschiedene Antworten. Eine besondere Aufregung war an ihr nicht zu merken, und als sie der Richter fragte, ob sie denn keine Reue empfinde, die That begangen zu haben, die ihr Lebensglück, vielleicht ihr Leben vernichtet habe, antwortete sie: „Es ist nicht möglich, daß es noch schlechter mit mir wird, als es gewesen ist.“

Nach all dem und Anderem begann sich der Mann zu rühren, der rechts vom Richtertisch bei seinen Schriften saß und während des Verhörs immer in seinem Buche geblättert hatte. Er erhob sich nun, und derselbe, der seinerzeit im Gebirge zu Walpa gesagt hatte: dieser Seizmüller, von dem mußt Du Dich befreien, — begann nun eine Rede zu halten, in welcher er die Gattenmörderin mit den schärfsten Worten anklagte und jeden Erschwerungsgrund angelegentlichst hervorhob. Und seine Rede schloß er mit folgenden Worten: „Sie sehen also, meine Herren, daß hier ein langgeplanter, zielbewußter, meuchlerischer Gattenmord vorliegt. Das schwärzeste Blatt in den Verbrecherannalen heißt Gattenmord. Dieses Verbrechen richtet die Familie zu Grunde und erschüttert dadurch die Grundfesten des Staates. Sie müssen erwägen, wie tief verdorben ein Weib sein muß, das im Stande ist, gerade jenen Mann auf die grausamste Weise zu tödten, der sie als die Liebste erkoren, dem sie ewige Treue gelobt, der sie zur geachteten Stellung der Frau erhoben hat, der ihr Ernährer und Beschützer war. Sie haben gesehen, wie die Angeklagte gerade in der größten Verlegenheit eines zerrütteten Hauswesens, ich möchte sagen: als Betteldirne von dem Seizmüller aufgenommen worden ist, wie der Seizmüller ihren Vater gewissermaßen vor dem Untergange gerettet hat. Wer solche Wohlthaten mit dem Giftbecher lohnt, der verdient das Leben nicht. — Ich habe mich sehr nach Milderungsgründen umgesehen, denn der Staat, welchen hier zu vertreten ich die Ehre habe, kennt keine härtere Aufgabe, als einen seiner Angehörigen vom Leben zum Tode bringen zu müssen. Es mögen in den Fall allerdings Umstände hineinspielen, welche Sie, meine Herren, zur Milde stimmen könnten; aber prüfen Sie strenge! Selbst ein Mann, der Brot entwendet, weil seine Kinder hungern, wird verurtheilt. Was hier vor uns liegt, ist ein kaltberechneter Gattenmord, und die vollständige Reulosigkeit, welche Sie auf dem Gesichte der Angeklagten lesen, sie gelte Ihnen mehr, als alle Erschwerungsgründe, sie mahne Sie, durch ein gerechtes Urtheil weitere Verbrechen zu verhüten. — Was Ihnen etwa noch gesagt werden mag von Menschlichkeit und Milde, so bedenken Sie, meine Herren Richter aus dem Volke, daß Sie nicht geschworen haben, hier Verbrechen zu verzeihen, sondern dieselben nach Gerechtigkeit zu richten. Lassen Sie sich durch falsche Gefühle zu einem milden Urtheile bestimmen, wohlan, so geben Sie allen Ehefrauen, auch den Ihren, meine Herren, das Anrecht, sich ihrer etwa unbequemen Gatten durch ein übelgewürztes Frühstück zu entledigen. Ich verliere weiter kein Wort, ich verlange für die Gattenmörderin Walpurga Wiesamer den Tod durch den Strang!“