Wenn plötzlich die Thür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die heiligen drei Könige mitsammt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und ihren Mohren und Kameelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel Aufsehen gemacht unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein Bursche stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum, dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß wenn neun Jäger in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier Alles unterthan war weit und breit. Wenn Dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und Du stelltest Dich unter eine buschige Tanne, so standest Du unter einem Seesteiner’schen Schirmbaum; und wäre auf dem Seesteinergrunde keine Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die hunderttausend Forellen im See dazu.
Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.
Und Maria Haldegger war die blutarme Dienstmagd, im Sommer auf der Alm, wie hundert Andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel, hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.
Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hat, daß sie ihn in der halben Welt hören, war auf der Jagd dagewesen, hatte die Maria Haldegger auf der Alm gesehen, hatte sich schauerlich in sie verliebt, und hatte ihr einen Ring geben wollen, der zweimal so viel werth war, wie das ganze Bauernhaus an der Wand. — Die Maria Haldegger aber hatte gesagt: „Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt’, aber für Guld und Geld und alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen. Wollt Ihr’s aber redlich meinen, so fragt bei meinem Pathen an; ich kann nichts versprechen.“ Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber die junge Magd hat ihm’s rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig davon gegangen bis zur nächsten Almhütte.
Zwei alte Seesteiner’sche Jäger, die hinter der Hütte gestanden, haben den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirthshause der Seeau, und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen.
Da hat denn Alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen, und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt, wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und Rechenschaft abgelegt hat über Alles was sie auf der Alm zu verwalten gehabt.
Es kam der kalte Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der See. Es war stetiges Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz, vom Himmel im Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet.
Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde mit dem festlichen Weihrauch und dem feierlichen Orgelklang, betete kein Mensch ein andächtig Vaterunser, und der Pfarrer am Altare selbst berechnete, was bei der Trauung des Großbauers wohl für ihn abfallen könne.
Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und die Sprenge — das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den Priester — zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines Weges.
Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: „Laß’ Zeit, Herr Bräutigam! Hast aber eilig.“