Am Fenster der Liebsten.

Die Jagd war unglücklich ausgefallen. Der Fürst hatte einem Treiber die rechte Hand durchschossen. Der Treiber aber hatte Weib und Kind, sonst aber nichts für sich und seine Familie, als diese Hand; er war Waldarbeiter, und bei solchem Geschäfte muß die Rechte allemal wissen, was die Linke thut, weil sie derselben in Allem beizustehen hat.

Gut war noch das Eine, daß der Fürst es gewesen, der in Unacht den bösen Schuß gethan hatte, und die Leute sagten: „Sei froh, Thoma, jetzt bist versorgt für alle Tage, die Dir Gott vom Himmel giebt!“

Und Gott gab ihm noch manchen Tag vom Himmel, nahm ihm hingegen sein Weib — da stand er, der Krüppel, mit seinem Kinde, einer heranwachsenden Tochter, allein. —

In einem Thale jenes Gebirges steht das Schloß Hollerstein. Es ist ein großes, altes Gebäude, der Sage nach einst von Raubrittern gegründet, von Templern erobert und bewohnt, durch die Türken zerstört und als Jagdschloß für den Fürsten wieder erbaut. Die längste Zeit des Jahres stand Hollerstein leer und wurde nur von einem Vogte bewacht, einem Invaliden aus dem Franzosenkriege. Als nun der eine Invalid starb, kam der andere dran — der Thoma mit der durchschossenen Hand. Der bekam im Schlosse zwei große Stuben und ein kleines Gemach, und darin wohnte er nun und war der alten Mauern und dem blühenden Kinde treuer Wart. Die grauen Steine sind leicht zu hüten, aber ein hübsches Mädchen, das zwischen dem Kinde und der Jungfrau in der Schwebe ist, wie ein Blüthenreis in der Nacht zwischen April und Maien, ist Gefahren ausgesetzt, von welchen der alte Thoma selbst nicht viel Ahnung hatte. Es ist scheinbar eine kühle oder laue, ruhige Nacht, aber es ist dunkel und das Mädchen ahnt, bangt in das Ungewisse hinein. Es fühlt wohl, daß ihm ein anderes Leben kommen müsse — es fiebert leise zwischen Frost und Sonnengluth...

Julina hieß sie. Julina ging nun in das achtzehnte Jahr. — Ich wollte, ich könnte malen, ich würde dem freundlichen Leser ein Bildchen schenken, das er aufstellen sollte an dem trautesten Platze seines Heim. Im rauhen Gemäuer des Schlosses ein Fenster, dessen offene Flügel mit den klaren, sechseckigen Zellenscheiben in der Morgenluft leise fächeln. Das Fenster ist einen Stock hoch in der Mauer, aber die Ranken des Epheu sind doch hinangeklettert und umkränzen die Rahmen und schwingen und schlingen sich über das Gesimse hinein und möchten am liebsten auch das holdsame Mädchen umschlingen, das mit seinen goldfarbigen Locken am Fenster steht und just mit zarter Hand ein Dornröslein befestigt an der blüthenweißen, schmiegsamen Pfaid seines Busens. Sein Lippenpaar ist auch so ein Dornröschen, so knospend, so frisch; und wer ihm in’s große, helle Auge schaut, der kann ein Vöglein d’rin sehen — es ist das winzige Spiegelbild einer Schwalbe, die heiter zwitschernd auf einem Zweige wiegt und dann lustig um den Thurm des Schlosses kreist.

Ja, ihr Närrchen! Wenn schon der immergrüne Epheu und die lose Schwalbe um das Mädchen minnen, wie erst die warmlebigen Burschen des Thales! — Es ist ja so wunderbar, so närrisch, so göttlich auf dieser Welt! — Am Abend, wenn die Schwalbe schon längst in ihrem Neste hockt und den stillen, süßen Freuden des Familienlebens obliegt, und wenn über den steinigen Höhen des Tauern der Mond aufsteigt, schamrothen Antlitzes zuerst wie ein Junge, der das erstemal minnt, doch helleren, keckeren Auges bald die Mauern des Schlosses bescheinend und im Gemache einen scharfen Schatten schneidend aus dem Köpfchen der jungen Maid, die wiederum am Fester steht — zu solcher Abendstunde mögt ihr heimlichen Lauscher wohl einen wunderlichen Gesang hören unten im Haselgesträuche. Anfangs ist es nur eine Entschuldigung:

„Meine Schuh, die ih trag,