Heute wollte es aber nicht gut werden. Heute kam eine ganz besondere Angst über das arme Weib, als ob etwas Arges nahe wäre. Sie betete in Gedanken um Schutz für ihren Mann. Dabei kam ihr in den Sinn: Wie kann denn der gerechte Gott Diebe beim Stehlen beschützen! — Aber sie betete: „Du, sein heiliger Schutzengel, beschirme sein Herz, beschirme es vor sündhafter Begier. Er ist ja sonst ein guter Mensch, thut Niemandem was zu Leid und ist gar ein braver Gatte und Vater. Du lieber Gott, das kann ich Dir wohl mit Freuden sagen!“ — Sie schluchzte dabei und grub und grub die Erde auf und grub in Gedanken oft tiefer ein, als die Früchte lagen. Das Knäblein — es war ein halbes Jahr kaum alt — jauchzte hell und verlangte nach der Mutterbrust. Sie vernahm es heute kaum, und als sie den Spaten fahren ließ und zum Kinde kam, war dieses eingeschlummert.

Es ging gegen Abend. Das Gevögel schwieg, die Hühner saßen auf ihren Stangen. — Franz war noch nicht zurück.

Theres hatte lange in’s Weite geblickt; ihre Unruhe war heute wilder Natur. Und als jetzt der späte Abend kam, harrte sie nicht mehr länger. Sie nahm das schlummernde Kind auf den Arm, hüllte es ein mit des Vaters brauner Joppe, verschloß das Haus und ging dem Walde zu.

Kein Ast und kein Baumwipfel rührte sich. Die langen Schatten der Bäume lagen da, junge, wachsende Kinder der Nacht. Theres ging an einer Schlucht hin. Das rauschende Wasser that ihr weh, denn ihr war, als müsse sie diese unheimlich zischenden Stimmen verstehen, und sie verstand sie doch nicht. Sie stieg die Lehne hinan und war sorglich, daß sie das Kind nicht wecke. Neben Büschen von Enzian setzte sie sich auf einen Stein und horchte. Alles schwieg und war im Frieden. — Und wenn ein wildleidenschaftlich Herz pochte im Walde, man müßte es hören von Weitem in dieser reinen Abendruh’. — Die blauen Glocken der Enziane wiegten sich sanft, und es ging doch kein Lufthauch; sie läuteten und man hörte das ewige Klingen der Stille.

Jetzt erwachte das Knäblein. Die Mutter reichte ihm die Brust. Es trank mit Lust. Und das Weib strengte sein Ohr an und meinte einen Laut, einen Schritt ihres Mannes zu hören — und sie hörte doch nichts.

Dann blickte sie die blauen Blumen an, die wie Flämmchen noch leuchteten, da es schon dunkel war. — Irrlichter sollen auch zuweilen in blauen Flammen leuchten. Aber Blumen sind keine Irrlichter; Blumen sind Augen Gottes — so hat’s oftmals die Ahne gesagt. — Und jetzt, Franzele, jetzt blickt uns Gott an mit seinen blauen Augen. Schau, er hat uns lieb; — Gottes Auge wacht auch über dem Vater...

Ein Knall — — da war ein heißer Blitz durch den Busen des Weibes gegangen.

Sie stieß einen lauten Schrei aus — sie preßte das Kind an sich.

Franz Schlager hatte den Schrei gehört, nachdem er die Kugel abgesandt nach dem braunen zuckenden Punkte zwischen den Büschen jenseits der Schlucht — vermeinend ein eben früher aufgestöbertes Reh zu erlegen. Er hörte den menschlichen Ruf und eilte und sprang über Stock und Gestein, die Tiefe hinab, den Hang hinan — und fand sein sterbendes Weib.

Das Kind sog noch an der Mutterbrust, über welche vielarmig die Bächlein des Blutes rieselten. Das Weib war mit matten Bewegungen noch bemüht, das strömende Blut so zu wenden, daß es sich nicht vermische mit der Muttermilch, deren sich das liebe Kind zu dieser Stunde das letztemal erfreute.