„Man sieht was Neues,“ sagte sich Wolfgang. „Nur, daß mich kein Mensch hören kann, wenn sich um Kameradschaft schrei’. Im Traum wär’s mir nicht eingefallen, daß Unsereinem das alte und das neue Jahr in der Rabenschlucht zusammenkommen sollten. Hab’ oftmals das Wort gehört vom Zeitenstrom, jetzt sitz’ ich da und seh’ ihn hinunterstürzen, und mich durchnäßt er mit seinem Thau, bis ich im Frost erstarrt mit hinunterpurzle in’s Wasser. Wenn das der Pfarrer von Amsterdorf thät wissen, das wär’ ihm ein gefundenes Gleichniß auf das menschliche Leben für die morgige Predigt. — Daß nur die zwei närrischen Weiber nicht auf mich thäten warten.“

Noch einmal versuchte er es mit dem Hinanklettern — ohne Erfolg; ein Schneestück fiel von der Wölbung, das ihn schier in den Abgrund geworfen hätte. Er saß wieder auf seinem Stein und drückte sich fröstelnd an die Wand und dachte: „Jetzt wäre für mich die passendste Zeit zum Verzweifeln — es kommt nicht leicht eine bessere mehr. Ich stürz’ mich da hinunter und der Rabenbach tragt mich von selber hinaus zum Seegrub-See. — O, Wolfgang,“ rief er dann, „hast du denn heute deine Morgenandacht unterlassen, daß dir solche Gedanken kommen? Wer wird sich denn umbringen, wenn er so gute Aussicht hat, daß es ohnehin bald vorbei ist! — O Gott, mein Gott im Himmel, allerweg hab’ ich auf Dich Vertrauen gehabt. ’s schaut ganz unmöglich aus, aber Du hast dem Daniel Rath gewußt, wie er in der Löwengrub’ ist gesessen. Wenn Du nur willst, o, Vater unser, der Du bist in dem Himmel!“

Heiße Thränen stürzten ihm aus den Augen, daß er sterben müsse in so jungen Jahren, ohne sein Kind gesehen zu haben.

Da erbarmte sich Gott — jener Gott, den heute die Welt nicht mehr nennen will, weil sie glaubt, daß dessenstatt „Schicksal“, „Zufall“ besser klinge, der aber in dem Herzen und Leben des Volkes noch göttlich waltet, straft und rettet. Dieser Gott des Volkes mit seinen menschlichen Eigenschaften im Superlativ sah in unserer Neujahrsnacht von der Seegrub drei Männer heraufsteigen zur Rabenschlucht. Sie hatten Hauen und Stricke bei sich, denn sie hatten von jeher gehört, daß in der Rabenschlucht ein großer Schatz verborgen sei, der nur in einer Neujahrsnacht, in welche der Vollmond fällt, gehoben werden könne.

Und da dachte Gott: drei Schatzgräber? Die kommen mir just recht mit ihren Werkzeugen, daß sie mir meinen elegisch-humoristischen Sägemeister aus der Rabenschlucht ziehen.

Sie stiegen empor zur felsigen Stelle, deren Ungründe mit Schnee verweht waren, und hörten das Tosen des Wasserfalls. Da sie sich behutsam vorwagten, sahen sie auch das Loch, durch welches der Wolfgang hinabgefahren war, und hörten aus der Tiefe empor die menschliche Stimme. Der erste Gedanke war natürlich: Gespenster! Gespenster sind sonst immer ein Wunder, aber in einer Sylvesternacht an der Rabenschlucht, wo ein Schatz verborgen liegt, sind sie gar kein Wunder. Ein knurrender schwarzer Hund, eine klägliche Stimme, die um Hilfe ruft, oder dergleichen — das ist selbstverständlich. Die Hauptsache ist, sich von derlei nicht abschrecken zu lassen.

Bei näherer Untersuchung jedoch flüsterte einer der Männer: „Keinen Schuhnagel verwett’ ich, da unten steckt schon ein Schatzgräber, der uns zuvor ist kommen.“

„Das wär’ schon der Höllsakra!“ fluchte der Zweite. Aber der Dritte sagte: „Mir scheint eher, da unten ist Einer in der Klemm’, und wollt’ den Schatz gern ungehoben lassen, wenn er selber gehoben wär’!“

Sie redeten eine Weile hin und her, dann rief Einer hinab: „Alle guten Geister loben Gott, aber wenn es ein Mensch ist, so soll er’s sagen.“

Wolfgang sah die Schatten der Köpfe gespenstisch an den mondblassen Wänden gaukeln, verstand aber in dem mächtigen Brausen des Wassers die Worte nicht.