„Mein lieber, guter Vater!
Ich bin stets ein gehorsamer Sohn gewesen, und Euch Ehre zu machen, war mein Bestreben. So soll es auch in Zukunft sein. Aber ich bin erwachsen, und ich glaube das Dichterwort: Des Herzens Neigung ist des Schicksals Stimme. Was da kommen mag, ich muß dieser Stimme folgen. Euch, mein Vater, entbinde ich jeglicher Verantwortlichkeit. Ich verbleibe immerdar Euer dankbarer Sohn
Alfred.“
Mir zitterten die Glieder, mir vergingen die Augen; ich riß den Brief mitten auseinander. — Wer hat Dich so sehr verführt, Du armes, Du gutes Kind? — Und kennst Du nicht auch ein zweites Dichterwort: Der Mensch ist seines Schicksals Schmied? — Und mich, den Vater, willst Du der Verantwortlichkeit entbinden? Alberner Bursche! — Es kann hier nicht gefragt werden, ob Du großjährig bist oder nicht; das aber sei versichert: Du hast einen Vater, der wird Dich vor Verderben bewahren, so lange es möglich!
Sogleich eilte ich, umfassende Anstalten zu treffen, daß den Flüchtlingen nachgestellt werde. Ohne Erfolg; die jungen Leute waren verschwunden. Der Gerichtsschreiber wußte so wenig Auskunft und Rath, als ich. Meine Gattin wurde bitterlich krank; ich hielt mich aufrecht, aber in meinem Kopfe ging’s wirr um. Das einzige Kind verlieren, auf solche Art verlieren, das ist ein Schlag!
Ich konnte das Beginnen meines Sohnes nimmer begreifen. Und hätte er sich auch für den Augenblick von jugendlicher Leidenschaft hinreißen lassen — nicht einmal dieses hätte ich ihm zugetraut — so müßten sein gutes Herz und sein vernünftiger Kopf denn doch endlich die Oberhand gewonnen haben. Es dünkte mich gar nicht möglich, daß der Junge, sonst voll Anhänglichkeit und Liebe zu seinen Eltern, nun plötzlich von uns fortrasen sollte und in sein Verderben. Es geht eine Sage von „gehexter Lieb’“, schier hätte ich daran geglaubt, nur um die Zuversicht an mein Kind zu retten.
Dann wieder dachte ich, Alfred werde das leichtfertige Mädchen längst von sich gewiesen haben, und nur Trotz und Scham würden ihn noch abhalten, heimzukehren. Aber auch Rosa blieb verschwunden. — Es vergingen Monate; sie kehrten nicht heim und blieben verschollen.
Das Ungemach kommt nie zu einzeln; es folgte ein zweites, freilich bei weitem linder, als das erste, aber ich erschrak doch davor. Ich wurde um jene Zeit zu den Geschwornen gezogen. Meine Angst vor dem Richterstuhle, und sollte ich auch selbst darauf sitzen, war nicht geschwunden, war sonderbarerweise noch gewachsen. Aber das Gesetz, das mich rief, war einmal da.
Der Mensch richte nicht über den Mitmenschen! So richte Gott! Des Volkes Stimme aber ist Gottes Stimme! — Nach diesem Grundsatze hat der Gerichtshof die gewaltige Verantwortlichkeit von sich ab- und auf die Schultern des Volkes gewälzt.