„So kommt Nachmittag, wenn Ihr gespeist und Euch ausgeruht habt, in den Pfarrhof.“

Als der Alte in seinen Thurm hinaufstieg, murmelte er: „So wie Der kunnt er jetzt sein. Was wäre das für mich ein schönes Leben und Sterben, Du heiliger Gott!“ —

Und Nachmittag, als zur Vesper geläutet war und die lichterstrahlende Kirche sich mit Menschen und Leuten (das ist auch in Münsterwald zweierlei) gefüllt hatte, saßen die beiden Männer im abgelegenen Zimmer. Der Priester spielte mit einem schwarzen Kreuze, das ihm über der Brust hing und hörte dem Thürmer zu. Der Thürmer sagte: „Ich habe mir’s überlegt, hochwürdiger Herr, beichten will ich jetzt nicht. Ich fürchte mich allzuviel, daß ich nicht kunnt absolvirt werden. Ich bin kein armer Sünder, wie die Anderen, die jetzt in der Kirche dutzendweise vor dem Beichtstuhl stehen; ich sag’s gleich, ich habe mein Kind umgebracht.“

Der Priester sprang auf; aber gelassener setzte er sich wieder auf seinen Platz — und schwieg.

„Darf ich jetzt anfangen?“ fragte der Thürmer.

„Erzählt, erzählt, was Euch drückt. Ich sage Euch im Voraus, Gott ist gütig.“ So der Priester und that, als wollte er die Hand des Alten erfassen.

„Mir war er’s nicht, mein geweihter Mann,“ sprach der Thürmer, „so schreckbar ist es, sein liebes, bluteigenes Kind verfluchen zu müssen. Ach, das Neugeborne schon ist eine Sünde gewesen — aber eine Sünde, Pater, wie deren auch die Leute in der Kirche d’rüben zu beichten haben. Die Mutter starb, dem Kleinen sang ich’s an der Wiege: Die Lust hat uns verbunden! — Als er größer wurde, hatte mein Valentin Schick für’s Lernen, haben ihn die geistlichen Herren auch zum Ministranten gern gehabt und ist dem Herrn Prälaten der Gedanke gekommen: Wollen einen Priester aus ihm machen. Hätt’ dazu wohl taugen mögen; Altar und Predigtstuhl, das ist fort sein Treiben gewesen. Und hat doch nicht dazu getaugt. O Herr, so ein gottverlassener Mensch, wenn der Priester worden wär’! Ein Dieb, der Bursch. Ja, nicht wahr, da fahren jetzt der geistliche Herr in die Höh’! — Hat brav studirt, der Herr Prälat hat Alles für ihn gethan und bezahlt. — Wie er in seinem einundzwanzigsten Jahr von der achten Schul’ auf Vacanzen heimkommt und uns das Semesterzeugniß hat gewiesen, hab’ ich vermeint, ich müßt’ in die Wolken fahren vor lauter Freud’! Ist der Erste gewesen in seinem Jahrgang! Und was bei ihm selber für eine Lust war. Wie ein junger Hirsch springt er Euch in der Gegend um, und vom Kirchthurmfenster aus hat er mir einmal einen Jauchzer gethan in die Stadt hinab, daß die Leute gar gesagt haben: Wenn solche Kirchenglocken läuten, da wollten sie auch wieder fromm werden. Unser Herr Prälat hat’s zum Glück nicht gehört; das war ein strenger Mann! Und ich für meinen Theil hab’ vermeint, die Jugend müßt’ sich ausjauchzen, und schon gar, wenn der Mensch später einzig nur mehr beten und beten soll. Daß auf Vacanzen die Ersparniß zu wenig wird, mag auch dem Valentin passirt sein, gleichwohl er mir niemals davon was hat merken lassen. Auf einmal in der Morgenfrüh, ich weiß es noch, als wie wenn es gestern wär’ gewesen, der Maria-Himmelfahrtstag war’s — werde ich eilends von meinem Thurm gerufen, auf den Kirchplatz hinab, und da ist ein Leuthaufen beisammen und mitten drin haben sie — mit einem Strick die Hände gebunden — meinen Valentin. Beim untern Thor hat dazumal der Wanschel-Moses, wie wir ihn geheißen haben, sein Häuslein gehabt. ’s ging das Gered’, daß der Moses viel Geld hätt’ besessen und nur deswegen in Münsterwald geduldet gewesen, weil ihm allerlei Leute schuldig waren. Bei diesem Juden hat der gottvermaledeite Theologus einbrechen wollen. O frommer, geistlicher Mann! Was das ist, wenn Einem das eigene Kind auf einmal als Dieb und Räuber vorgeführt wird! Was das ist! Tausend Jahr’ lieber im höllischen Feuer brennen, als das erleben! — Nichts weniger als Solches hätt’ ich an meinem Sohn vermuthen mögen; ein Starrkopf ist er oft gewesen, und jähzornig, wie ich jähzornig bin, sonst war er brav. Und jetzt auf einmal das! — Daß mich der Schlag nicht hat getroffen am selbigen Himmelfahrtstag! Getroffen hat er mich freilich, nur allzuböse, geistlicher Herr, nur allzuböse! — Geleugnet hat er’s, der Schandbub’, wo sie ihn doch im Fenster haben gefangen. Geleugnet hat er’s, wo doch aller Beweis ist dagelegen, daß es nicht anders gewesen sein kann. Daß ein lustiger Student Geld braucht, ist nichts Neues, aber daß er deswegen dem Juden zum Fenster hineinsteigen muß, wird der Pater noch nicht gehört haben. Der Prälat hat’s auch niemalen gehört und hat nichts zum ganzen Handel gesagt, als wie: Wenn der junge Mann beim Juden Geld sucht, so braucht er vom Stift kein’s. — Und aus ist’s gewesen. Alles hat ihn verhetzt: Dieb! Dieb! Sonst hat man nichts gehört auf dem ganzen Platz. Der Valentin hat bei mir wollen Schutz suchen. — Einbrecher! schrei’ ich voll Schand’ und Zorn mir kommst nimmer vor die Augen! Und stoß’ ihn mit der Faust zurück. — Jetzt haben sie ihn geschlagen und gerissen, haben ihn aus der Stadt gehetzt, die staubige Straßen fort — und seit dieser Stund’ hab’ ich meinen Sohn nimmermehr gesehen.“

Der Priester legte seine Hand auf die zitternden Arme des Alten; er zitterte selbst. Der Thürmer fuhr fort: „Der Zorn ist freilich wohl bald vergangen, aber da ist die Reue gekommen, und die ist noch viel fürchterlicher. O, sagt mir doch: Wenn ihn Gott selber verlassen hat, ist es denn unrecht, wenn ihn auch der Vater verläßt?“

„Das himmlische Gesetz, wie das irdische, sprechen den Vater frei, sein Kind zu richten,“ sagte der Missionär. „Und gesetzt, Ihr wäret der Richter Eures Valentin gewesen, hättet Ihr nicht die Thatsache auf das strengste untersuchen müssen, bevor Ihr ein Wort in sein Herz geschleudert, das alle Kindesliebe im Augenblick vernichten mußte? Ihr habt nichts untersucht, Ihr habt nicht an’s Kind gedacht; die Schande, die Ihr auf Euer Haupt fallen sahet, der leidige Zorn war’s, weswegen Ihr Euren Sohn verstoßen habt. Valentin ist an dem Verbrechen unschuldig gewesen!“

„Jesus Maria!“ rief der Thürmer und rang die Hände — aus Verzweiflung — aus Glückseligkeit? Dann setzte er mit starrem Blicke bei: