Die Schuld hat uns getrennt.“
In’s Städtchen zogen, von der Bevölkerung der Umgegend begleitet, drei Missionäre ein. Die Stiftspriester fühlten sich dem weltlichen Sinne ihrer Sprengel nicht mehr gewachsen; die Leute wollten den Kanzelsprüchen Jener, mit denen sie kartelten, kegelten und krügelten, keinen großen Ernst beimessen. Und so hatte das Stift Apostel herbeigerufen, von denen es hieß, daß sie aus weiten Landen kämen, unter ihren Mänteln Geißelhiebe freiwilliger Kasteiung und unter ihren breiten Hüten bereits einen leichten Anflug von Heiligenschein trügen.
Einer von den Fremden war blaß und hager; dem sah man’s an, wie ernst er es mit Hölle und Teufel nahm; der Zweite, Behäbigere, mochte sich schon etwas mehr an den Himmel halten, ob der nun in jener oder dieser Welt zu finden sei. Der Dritte hatte einen langen schwarzen Bart, sein Gesicht war rauh, sein Auge war herb; er schaute beim Einzug so seltsam scharf an den Häusern umher, auch zu den Giebeln und Thürmen auf. — Ammern, Spatzen, Schneemeisen, sonst, lieber Mann, fliegt in dieser Jahreszeit bei uns nicht viel herum!
Der leise Spott, mit dem die Einziehenden empfangen wurden, verwandelte sich bald in Lob und Bewunderung. Auch die Leute von Münsterwald waren aus Fleisch und Blut gebaut, waren empfänglich für das schmetternde Wort, für die grellen Bilder erhitzter Phantasie, für geheimnißvolle, auf die Sinne wirkende Zeichen, und sie erlagen daher den merkwürdigen Experimenten und Demonstrationen der Jesuitenmission gar bald.
Besonders der Schwarzbärtige, der Pater Christof! Wenn der predigte, da wurde die Kirche zu klein — und das will in Münsterwald was sagen! Der Mann predigte ganz anders als seine beiden Genossen, die mit Allem so übernatürlich thaten und, wie der Kirchweihzauberer, unter dem Dache Wetter machten und sogar Blitze in die Menge warfen, welche die Einen brannten, die Anderen blendeten. Der Schwarzbart that nicht desgleichen, wenn er auf der Kanzel stand, er schrie nicht einmal, aber es waren Brusttöne, in denen er sprach. Es war etwas Warmherziges in der rauhen Stimme, es schien immer, als denke er weniger an seine Worte, als an seine Hörer, und der Mauthner vom untern Thor flüsterte einmal dem Nachbar zu: „Der predigt fast, wie ein Mensch.“
Der Ruf dieses Predigers drang auch auf den Thurm. In der lieben Christnacht war’s, als der alte Mann weinte. Da ruft er die Leute zum Gottesdienst, und er selber hört keine Predigt und keinen Orgelklang, er muß zu den Fenstern hinausschauen, ob in dieser lichterreichen Nacht nicht irgendwo ein Unglück auflodere. Wer frägt nach dem alten Thürmer? Sie vergaßen es längst, was ihm einst widerfahren.
Auf der kleinsten der vier Glocken, die zusammen ein so herrliches Geläute gaben, daß man weit und breit in den Hügeln und selbst in den Bergen drinnen vom Musikspiel zu Münsterwald sprach — auf der kleinsten dieser Glocken stand mit Kreide geschrieben der Name „Valentin“. Es war längst schon Staub darüber, aber der Thürmer wischte ihn an dieser Stelle nicht weg, aus Furcht, die Buchstaben zu verletzen. Wie oft hatte er seit jenem längstvergangenen Tage, da das Söhnlein von der Schule heimkehrend mit der Kreide auf dem grauen Metall seine neue Kunst erprobte, diese Glocke geläutet! Der Name Valentin schwang und klang mit, wenn die Glocke ein Brautpaar zum Hochzeitsamte rief und er schwang und klang mit, wenn der Glockenton eine Bahre hinausbegleitete zu ihrem Grabe. Ihn hat wohl weder zum Einen noch zum Andern ein christlich Geläute geführt! — Da ist ein junges Menschenleben vergangen und verloren. Durch wessen Schuld? — Zu Allerseelen macht der Thürmer stets um einundzwanzig Züge mehr an der Glocke, als die Ordnung war, denn einundzwanzig Jahre zählte Valentin. Nun stand der Alte da und schaute den Namen aus Kreide an — und das war sein Weihnachtsfest.
Am nächsten Frühmorgen stieg er hinab in die Kirche und sah den bärtigen Missionär, den Pater Christof, als dieser seine Messe las. Er sah sein Gesicht und dachte: „Zu dem hätte ich Vertrauen; wollte mich gern einmal aussprechen. Mit jedem Glockenzug schreie ich’s in die Welt, wie mir ist, aber sie verstehen anders.“ So ging er nach der Messe in die Sacristei. Als ihn der Priester sah, stolperte derselbe und fiel dem Alten fast in den Arm. Das war diesem ein gutes Vorbedeuten und er trug dem Missionär seine Bitte vor. Von den Predigten könne er nichts gewinnen, weil er als Thürmer soviel schwerhörig geworden sei, so möchte er zum Beichtstuhl kommen.
Der Schwarzbart stand da, wie eine Bildsäule, so ernst, dann sagte er: „Wenn Ihr schwerhörig seid, so ist der Beichtstuhl nicht der rechte Ort. Wenn es recht ist, so will ich Euch in Eurer Stube besuchen.“
Da wurden dem Thürmer die Augen naß und er sagte: „Ja, der hochwürdige Herr ist wohl ein guter Hirt, der die Sünder aufsucht, aber ich komme schon selber zu Ihm, wenn’s verstattet ist?“