In der Thurmstube des Stiftes Münsterwald saß ein alter, betrübter Mann.
Die unten wohnten, beneideten ihn um den Fernblick. Was sah er denn? Die schneebedeckten Dachgiebel des Städtchens und matten Sonnenschein darauf. Mit der Sonne geht’s scharf abwärts zu dieser winterlichen Zeit; alle Thäler und Hügel schimmern im Schneeglanz, und es ist doch wie eine Dämmerung und der Tag ist kaum so lang, daß sich die Leute in demselben für ihre Abende vorbereiten können.
„Der liebe Herrgott verbrennt viel Sternlein jetzt,“ meint ein armes Weibchen, das wohl weiß, wie theuer im Winter die Beleuchtung kommt. Kaum da oben die Sterne angezündet sind, spinnen sich die Menschen in ihre Häuser ein. Sie verrichten allerlei kleine Arbeiten, singen Lieder, erzählen Geschichten und der Michel meint: „Heute wär’s draußen gut Ketten lecken!“ Um Gotteswillen, kleiner Wastelbub’, probir’s nicht! Dein Zünglein bliebe unselig kleben am Kettenglied, thät’ in der leidigen Kälte anfrieren auf der Stell’. Mancher ist diesem Bauernspaß schon auf den Leim gegangen. Da ist das Kartenspiel in der warmen Stube unterhaltlicher. Im hohen Sommer ginge nach so langer Dunkelheit schon die Morgenröthe auf; jetzt schlägt der Hammer auf dem Thurm erst die neunte Abendstunde. Sie gehen zu Bette; Keiner denkt daran: wie wird sich der Thürmer die Zeit vertreiben? — Jetzt liegen sie neun Stunden lang, da weckt sie die Glocke zur Rorate auf. Ueber der Welt noch immer die stille, schwere Nacht, daß Einem hart wird um’s Herz und der Gedanke kommt: Wenn’s finster bliebe!
Der Thürmer läutet das Ave-Maria. Süß und hoffnungsreich klingt es hin über die Menschenwohnungen, bis hinaus, wo die Wälder stehen. Verlange Dir nicht am Quell’ der heiligen Töne zu stehen, die schmetternden Hammerschläge zerrissen Dir das Ohr; der Thürmer weiß nicht, wie schön seine Glocken klingen.
Der einsame Mann leitet den Schein seiner Lampe auf das Buch, in welchem die uralten Träume der Menschheit aufgeschrieben sind; er sucht die Sprüche des weisen Salomon, die Psalmen des Sängers David, die Worte der Propheten. Aber er dringt nur auf die todten Blätter, nicht tiefer; sein Mund murmelt:
„Die Lust hat uns verbunden,
Die Schuld hat uns getrennt.“
Das stand nicht in der Bibel, das las er aus seiner Vergangenheit. Er war nicht in der Gegend geboren. Als entfernter Verwandter eines nun längst heimgegangenen Prälaten von Münsterwald hatte er einst die Stelle eines Thürmers und Wartes überkommen. Was war dieser Mann einst lebenslustig gewesen! Aber da hat sich eine Geschichte zugetragen, und seit dieser Geschichte lebt er wie ein Einsiedler auf seinem Thurm, bedient von einer Magd, die nichts hört und gern schwätzt.
Jetzt war ein Tag, da mußte der Alte eine Stunde lang mit allen Glocken läuten. Ein Heil war im Anzug, eine Gnade für Münsterwald. Der Thürmer zog seelenlos an den Stricken, hörte seelenlos das erzene Knallen der Töne — er wußte es wohl: Wenn der Menschenzug, der die Straße heran dem Münster zuwallt, endlos wäre, wenn sie Alle kämen, die Heil und Gnaden hätten, oder beladen wären mit Fluch und Schande — der Eine wäre doch nicht dabei, den lockt kein Glockenklang von Münsterwald.
„Die Lust hat uns verbunden,