„Meint Ihr, daß Euer Sohn nicht so albern gewesen sein könnte, aus Furcht vor dem Prälaten und der Entziehung der nöthigen Gnaden den Besuch bei der Jüdin zu verschweigen?“

„Nein, nein,“ sagte der Alte, „solcher Dinge wegen, so wichtig sie für meinen Sohn waren, opfert man den ehrlichen Namen nicht.“

„Oder meint Ihr nicht, daß Euer Sohn so ritterlich sein konnte, die Ehre des Mädchens mit seiner eigenen zu erkaufen?“

„Was sagt Ihr da?“ fuhr jetzt der Thürmer wie aus einem Traume erwachend empor, „seid Ihr, Mann Gottes, seid Ihr allwissend? Ja, ja, so war’s, so mußte es gewesen sein, nicht anders! O, ich unseliger Mensch, daß mir erst jetzt ein Licht aufgeht!“

Dann schrie er zornig auf: „Und warum hat er mir’s nicht vertraut? Sag’ mir Einer, warum hat er es seinem Vater nicht vertraut?“

„Hat er nicht zu Euch flüchten wollen? Ihr habt sein Herz getroffen. Ein vom Vater als Dieb und Einbrecher verschrieener Sohn kann nicht mehr zurückkehren.“

„Ich bitt’ Euch, habt Erbarmen und martert mich nicht zu Tode. Um Gotteswillen sagt, wo habt Ihr ihn gesehen? Lebt er? Wo ist er? Ich such’ ihn auf, ich muß meinen Valentin wiedersehen.“

„Er ging über das Meer. Es war Trotz in ihm. Er hat sich dazumal vorgenommen, nicht eher in seine Heimat zurückzukehren, als bis seine Ehre wieder hergestellt ist und sein Vater das Wort zurückgenommen hat. Käme er heute, nach neunzehn Jahren, was meint Ihr? Er würde noch zu früh kommen.“

„Kommen, kommen soll er, ehe ich alter Mann von dieser Welt fort muß! Ich bin von seiner Unschuld nun auf einmal überzeugt, o Gott, erst heute! erst heute! Ja, die Jüdin, es kann nicht anders sein. Kommen soll er, sehen will ich mein Kind wieder.“