„Beruhigt Euch, guter, armer Mann,“ sagte der Missionär, „er wird wohl kommen. In Münsterwald ist er vergessen; das ist der beste Segen für einen ehrlos Gewordenen: vergessen sein. Wenn es aber plötzlich heißt: der Sohn des Thürmers ist wieder da, so werden Einige fragen: der alte Thürmer, hat denn der einen Sohn? Ja, werden Andere sagen, das ist der Dieb, der Einbrecher beim Wantschel-Moses. Ihr müßt von der Geschichte damals ja gehört haben. — Und so wird’s wieder lebendig.“

„Ich will es vom Thurme ausrufen, daß er unschuldig ist,“ sagte der Thürmer.

„Das ist nicht nöthig. Euer Sohn gehört nicht mehr zu Denen, deren Glück und Frieden davon abhängt, was die Leute über ihn sagen. Der Beruf, den er gewählt, giebt Beweis, daß er nicht der Mann ist, der des Mammons wegen beim Juden einsteigt. — Valentin hat in einem katholischen Priesterhause Nordamerikas seine Studien vollendet, dann stieg er hinab in die ungeheueren Landstriche westlich des Lorenzostromes, um jenen wilden Völkern menschliche Gesittung zu verkünden. Wie oft hat ihn das Heimweh angepackt, das Andenken an den Vater gepeinigt! In den ersten Jahren hat er Euch brieflich seine Unschuld betheuert, aber es kam die Antwort nicht zurück.“

„Ich weiß von keinem Brief!“ sagte der Thürmer.

„Ihr habt ihn eben nicht erhalten, erst viel später habe ich erfahren, daß jenes Schiff, welches das Schreiben an Bord hatte, auf hohem Meere zugrunde gegangen war. So ist es gekommen, daß Ihr von Eurem Sohne nichts mehr gehört habt. Vierzehn Jahre lang hat Valentin mit seinen Genossen in Canada gewirkt, bis sie in Entbehrung aller menschlichen Bedürfnisse fast selbst zu Wilden geworden waren. Ohne Erfolge, nur mit dem Bewußtsein in der Brust, ihre Pflicht erfüllt zu haben, kehrten sie zurück und ich schloß mich aus Sehnsucht, mein Vaterland wieder zu sehen, einer nach Europa abgehenden Missionsgesellschaft an.“

„Wer? Ihr?“ fragte der Thürmer, „ja, waret Ihr denn dabei?“

Da faßte der Priester die beiden Hände des Alten und sagte: „Vater, wollt Ihr Euren Valentin denn gar nicht mehr erkennen?!“


Am selbigen Christabende soll zu Münsterwald das Ave-Marialäuten so seltsam geklungen haben. Die Glocken hatten einen überaus hellen Ton, so daß die Leute sagten: „Es wird das Wetter umschlagen.“ Und als es eine Viertelstunde fort gegangen war, hoben sie ihre Gesichter gegen den Thurm und riefen: „Na, hört er denn heute nicht auf zu läuten?“