Gut soll die Hochzeit ausgefallen sein, doch hätten der junge Kaufmannssohn und der Oberlehrer des Ortes sich dabei viel zu oft die Ehre genommen, mit der Braut zu tanzen. Da brach der Herr Pastor — es war zur frühen Nachmittagsstunde — das Fest plötzlich ab und fuhr mit seinem Fronele davon. Beim Kaufmann kaufe sie nichts, lesen und schreiben könne sie, und er, der Pastor Meneschild, wolle mit seiner Braut allein sein. Von jeher war der Pastor ein Freund des Hochgebirges und im Hochgebirge wollte er seine Brautnacht feiern. Lustig rollte der Wagen durch das Thal, Gegenden zu, von denen die Braut sagte, sie seien sehr, sehr romantisch. Aber den guten Pastor Meneschild interessirte heute kein Stein, ergriff kein Wasserfall, rührte kein Röhren der Hirsche und Springen der Rehe. Den rechten Arm schlang er um seine junge Frau, mit dem linken deutete er auf eine noch ziemlich ferne Berghöhe: „Dort hinter jenem Berge, Fronele, liegt das Alpendörfchen, wo wir weilen werden. Du glaubst es gar nicht, wie es dort schön ist.“
Doch war es nicht so leicht, hinter den Berg zu kommen. Die Wege wurden steiniger, zerrissener, hie und da stürzte ein Wildbach nieder von den Höhen, denn im Hochgebirge schmolz der Schnee. Der Wagen mußte umkehren; das junge Ehepaar drang zu Fuße weiter und Meneschild trug sein herzig Bräutchen buchstäblich auf den Händen über manche Schlucht, über manches Wasser.
Ein Holzhauer kam des Weges, der erbot sich, mit seinen kräftigen Armen die junge Frau über die unwirthlichsten Stellen zu geleiten. Der Pastor schoß einen wüthenden Blick; was will denn dieser Mensch? Ich werde die junge Frau schon selber führen.
Der Weg ging durch malerische Schluchten einem entgegenbrausenden Wildbache entlang. Manches Donnern hallte in den Wänden, denn weiter drin im Gebirge stürzte manche Schnee- und Erdlawine nieder. Das junge Ehepaar rastete auf einem Stein. „Nicht wahr, das ist eine prächtige Hochzeitsreise, Fronele?“ sagte der Pastor und wiegte das Weibchen auf seinen Knieen.
„Ja freilich,“ antwortete das Fronele, „und wann gehen wir wieder nach Schladernbach zurück?“
„Du süßes Kind!“ entgegnete der Pastor, „bin ich Dir nicht genug?“
„Ei ja freilich bist Du mir genug!“ rief die Braut und tätschelte mit beiden Händen die glatten Wangen des Pastors, wie sie es als Schänkin gewohnt war, „Du bist ja mein Meneschild, schau, Du bist mein lieber Schatz!“
„Und Raum ist in der kleinsten Hütte!“ flüsterte der selige Pastor.
Sie gingen weiter; Fronele mußte das Kleid schürzen, es rieselte viel Wasser über den Weg. Selten dürften so zarte Jungfrauenfüße diesen rauhen Bergpfad noch betreten haben.
Der Wildbach wurde reißender und schwoll von Minute zu Minute. Und endlich kam unser Pärchen zu einem gar verfänglichen Punkt. Rechts hatte es die Wände und Klüfte eines Steinbruches, links den wüthenden Gebirgsbach, an dem jenseitigen Ufer unter dem Schatten eines Waldhanges stand eine Hütte. An dieser Stelle nun führte der Steig vermittelst eines schmalen Steges über den Fluß.