Darauf hat der Nachtwächter das zweitemal gerufen.
Aga hat zur Kirchweih nicht gegessen und getrunken für ein künftig Jahr, aber, als hernach die Weihnacht ist gekommen, da hat sich kein Freiersmann mehr eingefunden, und der Dienstherr hat gesagt: das Mägdlein könne bei ihm noch eine Weile der Schafe Hut besorgen oder gehen, wohin es ihm beliebe — er halte es nicht auf.
So hat Aga ihr Eigenthum in ein Sacktüchlein gebunden, hat einen Stock in die Hand genommen und ist im Schnee dem Walde zugegangen. Auf der Kohlstatt ist der Meiler verloschen gewesen, in der Hütte auf dem Stroh ist die Mutter gelegen — kalt und starr, mit einem Eistropfen auf der Wange.
Aga ist gegangen zu einem Kleinhäusler am Waldesrain und hat gefragt, wie lange sie müsse dienen und arbeiten?
Darauf hat sie der Häusler angesehen vom Fuß bis zum Kopf, und hat die folgenden Worte gesprochen: „Zehn Jahre lang mußt Du mir arbeiten, daß Du Dein Kind gebärst unter meinem Dache.“
An einem und demselben Tage ist’s gewesen, da ist die Mutter begraben und das Kind geboren worden. Dann haben die zehn Jahre gewährt in langer Noth und Drangsal.
Und als die zehn Jahre vorbei, da ist immer noch gestanden das kleine rothe Blümlein in des Waldes Schatten, aber Aga ist verblüht gewesen. Gott bewahre den Dornstrauch, daß der Sturm seine Rosen nicht mög’ entblättern!
Aga ist Dienstmagd gewesen und sie ist Dienstmagd geblieben, geradeaus siebzig Jahre. Da hat sie das ganze weite Thal wohl dreimal umackert mit bluteigener Hand und zu jeglicher Kirchweih hat sie sich wieder ein neues Jahr der Lasten zugetrunken.
Und als ihre Kräfte dahin waren ganz und gar, da hat sie Umschau gehalten in ihrer Ersparniß. Einen silbernen Zwanziger hat sie zu eigen gehabt; denselben hat sie einst in ihrer Mutter Hütte gefunden und ihn als Erbe bewahrt. Was sie sich sonst erworben in Fleiß und Schweiß, das hat eigene Noth und ihres Kindes Siechthum gefressen. So hat es Aga erfahren, wie die Leut’ leben im Sonnenschein. Da hat sie wohl sehnend gedacht der schattigen Heimat, der sie durch Arglist so schmählich entlockt ward.