Zur selbigen Stunde hatte sich der schöne vornehme Mann, der zur Heidelbeerblüthe in den Wald war gekommen, zu Aga gesellt, und sagte ihr Worte so freundlich und liebreich, wie sie solche von der Mutter daheim niemalen hatte sprechen gehört. Darauf führte er sie in ein schönes weißes Haus und setzte sich mit ihr an einen Tisch, und darauf brachten Andere dienstfertig funkelnde, durchsichtige Becher und schneeweiße Teller mit gebratenem Fleisch und Backwerk in Ueberfluß.
Aga hatte sich kaum zu essen getraut; ein blaues Tüchelchen that sie hervor: „Und wenn das vornehme Essen da schon mir ist vermeint, so will ich’s der Mutter heimtragen!“
„Das esse Du selber, Mägdlein,“ sagte darauf der freundliche Mann, „ich will Dir schon Geld geben, daß Du der Mutter was Anderes kannst bringen, und bei mir wird Dir nichts fehlen.“ So hat es sich Aga wohl schmecken lassen, und während sie aß, sagte der Mann zu Anderen, die nebenhin saßen: „Das wird fürder mein Hirtenmägdlein sein.“
So hat er sie gespeist und getränkt, hat ihr Geld gegeben, hat sie begleitet bis zur hohlen Buche, wo nach der Leute Reden ein Schatz liegt verborgen. —
Mitten in der finstern Nacht ist’s gewesen, als Aga die zitternde Hand an das Faßlich der Thür hat gelegt, die Mutter hat aufgeschreckt und ihr erzählt von dem freundlichen Mann, der sie gespeist und getränkt und sie mit wohlsamen Bissen habe versehen zum Heimtragen. Drauf hat die Frau nicht sonder Harm die Worte gesprochen: „Ist’s redlich gemeint von dem Mann, so wollen wir itzt beten für ihn!“
Sodann fiel ab das Brombeerlaub, und auf den fettigglänzenden Beeren lag der ätzende Reif und bald auch der Schnee, und es kamen die Tage, da sechzehn Stunden hindurch die Nacht lag über dem Wald, und Mutter und Kind sich fest aneinander mußten schließen, daß Grauen und Sorgen ihre Herzen nicht mochten erklimmen.
Da zogen eines Tages watend im Schnee, der ihnen ging bis an die Lenden, zwei Männer heran gegen der Köhlerin halb vergrabene Hütte, und grüßten mit Anstand und verlangten — das Mädchen. Da fragte die Mutter erstaunt, weß Rechtes das sei, ihre Tochter zu heischen. Und da wiesen die Männer das Recht: sie seien gesandt von dem Manne, der zur Kirchweih Aga das Angeld und das Leihkaufmahl habe gereicht, durch deß’ Annahme das Mädchen sich gesetzlich verpflichtet habe, dem Manne in seinem Hofe ein Jahr lang zu dienen.
Wie war da rathlos die Mutter und trostlos die überlistete Tochter. Doch hätten sie auch dem Gesetz widerstrebt, den kräftigen Männern vermochten sie nimmer zu trotzen, und fortgeführt wurde Aga von der Mutter Hütte. Und die Frau blieb zurück im einsamen Wintergrab, und fuhr mit eisernem Haken dem Meiler in die glühende Brust, und sendete mit dem schneeweißen Rauch empor zu Gott ihr Gebet für das Kind.
Bigott, man meint, das Mägdlein hätte es nicht übel getroffen. Sie war Hirtin im großen Gehöfte und konnte der Mutter manch’ nützliche Gabe senden.
Da der Winter vorbei und die Maßliebchen der Heide ihre weißen Krönchen aufsetzten, da kam mancher Junge zum schönen Hirtenmädchen und freite. Aber Aga hatte gegessen und getrunken darauf, daß sie ihrem Herrn diene ein ganzes Jahr. Sollte aber des holden, ehrsamen Freiers Lieb’ nicht verdorren in des Sommers Hitz’ und nicht verwelken in des Herbstes Frost, und nicht erfrieren in des Winters Kälte, so möchte er wiederkommen zur Weihnachtszeit — sie wolle bei der nächsten Kirchweih nicht mehr essen und trinken für ein künftig Jahr. Aber der schöne, liebreiche Mann, bei dem Aga hat gedient, hat sie eines Tages — als schon der Nachtwächter das erstemal gerufen — gefragt, ob sie nicht die Hausfrau sein wolle in seinem Hofe, da könne sie ein freundlich Stübchen heizen für die Mutter, die jetzt noch im kalten, finsteren Wald sei. Da hat sich Aga gedacht, was das für ein glückliches Kind, das seiner Mutter die alten Tage so liebevoll könnte versüßen. — — —