Das Glöcklein der Dorfkirche klingt hell und freudenreich zu meinem Fenster herein. Einen Sarg tragen sie zum Kirchhof hinaus und bergen ihn unter die kalte Erde. In diesem Sarge liegt ein Dienstbote, der gestern seinen hundertjährigen Geburtstag begangen hätte — aber vorgestern ist er gestorben. Der Armenvater hat schon Anstalten getroffen; das hundertjährige Weiblein hätte gestern eine warme Bettdecke und ein Glas kräftigen Weines bekommen; der Pfarrer hat ihr die Ehre erweisen und sie an seinem Arme in die Kirche vor den Hochaltar begleiten wollen — da ist sie vorgestern in der ruhsamen Abendstunde verschieden. Sie wäre die Gaben und die Ehren nicht gewohnt gewesen, sie hätte sich geschämt bis in’s Herz hinein. Aber der Tag kam näher und näher; es wurde im Dorfe schon gesprochen davon, und die Schulkinder flochten einen Kranz aus Lärchenzweigen und Hollunderlaub. Die alte Aga hätt’ nimmer fliehen mögen, denn ihre Beine sind gewesen wie morsche Hanfstämme im Spätherbst, die hätten sie nicht weiter getragen, als eine Schnecke mag kriechen während der Abendröth’. So hat sie keinen andern Ausweg gewußt und so ist sie verstorben.

Die Ehren sind ihr nicht ausgeblieben; heute hat sie der Pfarrer zu Grabe begleitet, heute hat sie den Kranz bekommen und die warme Decke. Den Wein mag sie trinken am Tage der Urständ’, daß sie Muth kriegt, dem Herrn zu sagen: Ich bin ein armer, ein sehr armer Dienstbot’ gewesen mein Lebtag lang, jetzt bin ich da und bitt’ um den Himmel!

Zum Glück hat ihr heiliger Schutzengel ihren Lebenslauf in sein Notizbüchlein geschrieben, und während er jetzt am Grabe steht und den Stein mit einem Zeichen merkt, daß er ihn mag finden am Tage des Gerichtes, da jeder Schutzengel sein Schutzkind muß wecken — guck’ ich ihm in sein Büchlein, und schreib’ mir flugs heraus den Lebenslauf der alten Aga.

Ihre Mutter ist ein Weib gewesen, das verstanden hat, aus den Stämmen des Waldes Kohlen zu brennen für den Schmied im Thale. Ihr Vater ist ein fröhlicher Jägersmann gewesen im grünen Walde, bis ihn einst drei Männer, Wildschützen, haben erschlagen. Aga hat Wangen gehabt, so blühend, wie die kleinen, rothen Blümlein, die in des Waldes Schatten sind gestanden, und die niemals die Sonne haben gesehen, sondern nur das Morgenroth zwischen den Stämmen. Aga hat Augen gehabt, so schwarz und glühend wie die Kohlen, die in des Meilers Gluthenbrust haben geknistert. Aga hat ein Herzlein gehabt, so lustig und fromm, wie die Lerche, die über dem Wald mit ihrem Flug in’s Himmelblau den Namen Gottes hat geschrieben.

Da ist eines Tages aus dem Thale her ein schöner, vornehmer Mann gekommen, daß er Kohlen besehe und kaufe für die Schmiede seines Hauses, denn er hat ein großes Landgut gehabt und sich die Pflüge und Spaten selber geschmiedet. Der hat Aga gesehen. „Willst Du mit, schönes Kind, in meinen Hof, und mein treues Dienstmägdlein sein? Vielgutes Silber will ich Dir geben, das glänzt besser, wie die Kohlen in Deinem Meiler!“ So hat der Mann gesagt, aber: „Was hilft mir des Silbers vielgutes Glänzen, wenn’s nicht warm macht, wie meine Kohlen. Ich will bei Mütterlein leben und verbleiben,“ so ist die Antwort gewesen.

Das hat sich zugetragen zur Zeit des Heidelbeerblühens. Und als darauf die Beeren gereift und wieder abgefallen waren mitsammt den rothfahlen Blättchen vom Heidegestrüpp — da sagte die Mutter: „Sechzehnmal hast Du die Herbstreife gesehen, Aga; Du bist nun wohl kräftig geworden und kannst morgen in’s Thal hinausgehen, zu sehen, wie die Leut’ leben im Sonnenschein, wie sie sich Häuser haben gebaut und inmitten das Herrgotts-Haus mit hohem Thurm; und daß Du Salz magst kaufen für unsern Hausbedarf.“

Nichts haben sie benöthigt von der weiten Welt, als das Salz, alles Andere ist in des Waldes Hängen gewachsen.

Und so band Aga ihren Hanfrock um und ging viele Stunden lang hinaus gegen das Thal. Da sah sie, wie die Menschen lebten im Sonnenschein und wie sie sich versammelt hielten um das Herrgotts-Haus zu Hunderten und zu Hunderten. Es war ja die Kirchweih. Und vom Thurme drangen Töne nieder, lebendig wie des Himmels Donner und freudenreich, wie der Waldvöglein Sang. Und aus den Häusern zitterten wunderliche Töne heraus, wie sie die Menschen zur Lustbarkeit selbst machten mit Pfeifen und klingenden Fäden. Da wußte Aga ihr Herz nicht zu beruhigen; sie brach in ein helles Lachen aus, daß der Menschen Menge um sie zusammenströmte.