Helles Geläute verkündete die Vesper. Durch die weitläufigen Räume des Stiftes eilten die Priester im Chorgewand. Dominicus und Lorenz schritten feierlichen Ganges durch das hohe Portal.

In der großen gothischen Stiftskirche brannten bereits die Kerzen, sie flackerten, weil der Sturm, der außen toste, auch die weihrauchduftende Luft innerhalb der Mauern unruhig gemacht hatte. In den Kirchenstühlen knieten einige Andächtige und beteten bedrängten Herzens um Erhaltung der Erdfrüchte. Eigennützige Beter sind stets die andächtigsten, und der Glaube ist vor der Gefahr größer, als nach derselben.

Im Chorraume befanden sich an beiden Seiten der großen, reichverzierten Orgel, gelehnt an die Mauer, die Bänke der Chorgeistlichen. Ueber denselben waren zwei Zifferblätter angebracht, die durch lange Eisenstangen mit dem Uhrwerk hoch im Thurme in Verbindung standen. Die metallenen Zeiger auf diesen Zifferblättern deuteten noch einige Minuten vor sechs.

Das Murren und Brausen war mächtig, doch die Orgel übertönte jetzt in tiefen, feierlichen Klängen das Wettertosen. Nun nahte in doppelter Reihe das Chorpersonal; es neigte sich gegen den Hochaltar und vertheilte sich dann in die zwei Bänke an den Wänden. Dominicus war der Mittlere in der rechten Reihe, Lorenz kniete ihm gerade gegenüber. Die Augen Beider wechselten einen Blick, in welchem die weltlichen Stunden, die sie eben verlebt hatten, ausdrucksvoll sich wiederspiegelten. — Das Glöcklein der Sacristei klingelte, der Prälat, von drei Diakonen umgeben, in reichem Ornat, trat zum Altare.

Es schlug sechs Uhr. Die Orgel verstummte, der Gesang begann. Erhaben wie ein Hymnus der Seligen, weich und innig, wie das Ahnen und Sehnen des menschlichen Herzens, schwer und bang, wie die Klage verlorener Seelen — so ertönte das Lied der Priester. Dominicus richtete seinen Blick zur Höhe; Lorenz senkte sein Auge zu Boden; was Ersterer im Geiste sah, das weiß man nicht; was Letzterem sich noch einmal wiederspiegelte, wäre schier zu errathen. Sein Antlitz war geröthet in Andacht — in Andacht dessen, was er schaute. Sein Gedächtniß brauchte nicht weit zu fliegen, was vor diesen eben vergangenen Stunden gewesen in seinem Leben, daran war nichts zu suchen. —

Große Tropfen und Schloßen schlugen an die Fenster; da — jählings war ein wilder Feuerstrom, ein schmetternder Knall — — die Mauern des Gotteshauses schienen gewankt zu haben, die Sänger waren stumm. Die Blasebälge der Orgel schnauften ächzend aus, die Kerzen waren verloschen, dichter Qualm erfüllte den Raum. —

„Der Blitz hat eingeschlagen!“ Dieser Ruf ging durch das Kloster. Alle eilten durch Guß und Hagel der Kirche zu. Mehrere hatten es gesehen, wie die Flammenzungen niedergezuckt waren auf den hohen Thurm. Die Leute in der Kirche taumelten halb bewußtlos umher. Man begab sich auf den Chor; hier lagen die Priester auf dem Boden, in Ohnmacht, nach Athem ringend. Nur zwei knieten noch auf ihrem Platze und falteten die Hände und senkten das Haupt. Sie knieten unmittelbar unter den beiden Zifferblättern, welche die sechste Stunde zeigten. Man rief sie beim Namen. „Bruder Dominicus!“ „Bruder Lorenz!“ — Sie bewegten sich nicht. Man faßte sie an — jetzt sanken sie zu Boden. Die Silberschließen an ihren Chorröcken waren geschmolzen.

Zwei junge Leben waren dahin.