Wie hat hierauf Guido die Sache überlegt? — Ja, dachte er, das ist ein Jud’ gewesen; der hat gewiß andere Leut’ um das Geld betrogen. Und sein Sohn ist auch ein Jud’ und würde das Geld jüdisch verwenden und damit gewiß andere Leute um noch Mehreres betrügen. So Dinge muß man abwenden. Ei, wie trifft es sich aber gut! Ich will nichts von dem Gelde sagen, will davon der heiligen Gertrudis die Capelle bauen lassen und darin recht fleißig für den Juden und seinen Sohn beten. So ist uns Allen geholfen.
Darauf sind der Jahre sieben vergangen, da stand auf dem Birkenberge das neue Kirchlein und leuchtete mit seinen weißen Mauern und seinem rothen Dache weit in das Land hinaus.
Guido war bewegsam und lächelte freundlich zu dem Lobe der Leute, das ihm gespendet wurde. Doch war er stets erregt und drängte den Bildhauer, daß doch auch das Altarbild, die heilige Gertrudis, bald fertig werde, denn es verlangte ihn schon sehnlichst, in der neuen Capelle zu der Heiligen zu beten. Es war ihm zur nächtlichen Stunde zuweilen gar arg zu Muthe. Auch war der alte Jude schon mehrmals zu seinem Bett gekommen und hatte nach fälligen Zinsen gefragt. So ein Jude vergißt und vergiebt in Geldsachen nichts, gar nichts und wäre er gleich zehnmal gestorben.
Als Guido nun aber zur Gertrudis beten konnte, die im Nonnenmantel auf dem Altare stand, da wurde es ihm besser. Er grub Torf und stieg jeden Tag hinauf zur Capelle und betete für den alten Israeliten und seinen Sohn und auch auf die gute Meinung, daß er endlich einmal den Schatz auf der Moorheide entdecke.
Aber als Guido älter und älter wurde, da hub es an, ihm wieder schlechter zu werden und als er endlich dem Alter nahte, in welchem der Jude mit dem grauen Barte gewesen sein mochte, da begann es in seinem Kopfe zur Nachtszeit gräulich Spectakel zu treiben, und stetig stand der Jude am Bett und zerrte ihm die Decke vom Leib und hüllte ihn zu mit seinem langen grauen Bart. Und das war ein böser Bart und jedes Haar war ein giftig Schlänglein, das fürchterlich nagte und biß. Vergebens rief Guido die heilige Gertrudis; aber eine brave Nonne geht zur Nachtszeit in keines Mannes Zimmer. Gertrudis kam nicht.
So raffte sich denn der Torfstecher in seiner Verzweiflung einmal von seinem ruhelosen Lager auf und eilte im Mondscheine auf den Birkenberg zur Capelle. In derselben fiel er nieder auf die Erde und rief mit lauter Stimme:
„Gertrudis, meine Schützerin, steh mir bei! In jeder Nacht kommt er zu mir, der alte Jude, der Samuel Amsel, und will sein Geld wieder haben!“
Siehe, da erhob sich hinter dem Altare plötzlich eine Stimme: „Der Samuel Amsel! Wo ist er? Wo ist mein Vater?“
Ein junger Mann sprang hervor. Ein Mann, der schon mehrmals in der Gegend gesehen worden war, als Jäger, oder wie er Pflanzen und Steine sammelte und das Gebirge untersuchte. Es war ein schöner, freundlicher Junge und er genoß vielen Respect bei den Leuten. Auch auf die Moorheide war er gekommen und hatte darauf mit Instrumenten hantirt, als ob er ebenfalls den Schatz suchen wollte. Ja, mehr noch, vor der Hütte des Torfstechers, die im Wäldchen stand, war er mehrmals schon gesessen und hatte mit Guido’s Nichtchen geplaudert, das gar hübsch und gescheit und viel manierlicher war, als der Alte.