Oftmals, wenn Guido zur Nachtzeit mit seinem Spaten über die Heide ging, sah er blaue Lichter flimmern; er eilte ihnen wohl nach, denn so Lichtlein sind Goldes- und Silberschein und der begrabene Schatz bittet durch sie um Erlösung. Aber die blauen Flämmchen zogen in die Kreuz und Krumm, und einmal, da stak der gute Guido jählings bis über seinen Ledergurt im Sumpf. Das war ein arges Nachtquartier und die Lichter umkreisten und neckten ihn fürchterlich und der Mann sank tiefer und tiefer und sein rother Brustfleck mit der leeren Brieftasche stak mit ihm schon zur Hälfte im Schlamm. So hatte er es wahrhaftig nicht gemeint, er wollte mit dem Schatz im Sonnenlichte leben, aber nicht mit demselben lebendig begraben sein. Was that er in seiner Noth, er that ein Gelübde zur heiligen Gertrudis: „Du großmächtige Schutzfrau gegen böse Anfechtungen und Hexenspuk, Dir empfehl’ ich meine arme Seel’ und meinen Leib, der in der Schlammass’ steckt. Hilfst Du mir aus meiner Noth, so bin ich nicht der Mensch, der Dir das vergessen wollt’. Wirst sehen und bei meiner sündigen Seelen: ich erbau Dir eine prachtschöne Capelle oben auf dem Birkenberg!“
Das läßt sich Sanct Gertrudis nicht zweimal sagen; für eine prachtschöne Capelle streckt sie allfort gern eine Hand aus. So fügte sie es denn, daß in derselben Nacht ein paar Bauersleute über die Moorheide gingen, den Guido schreien hörten und ihn aus seiner tiefen Versunkenheit zogen.
Und Guido war nicht der Mensch, der Wohlthaten so leicht vergessen konnte. Zwar die Bauersleute stellte er unwirsch zur Rede, was sie denn zur Nachtzeit auf dem Moore zu suchen hätten? er und er alleinig sei der Torfstecher. Aber Sanct Gertruden gegenüber fühlte er sich verpflichtet, sein heilig Wort einzulösen und zu ihrem Ruhme die prächtigschöne Capelle auf dem Birkenberge zu erbauen. Und wie war die Bedrängniß nun groß! Seine alleinzige Seele hatte er verpfändet und keinen guten Groschen Geld hatte er im Vermögen, um das Kirchlein erbauen zu können. — Hätte etwa der Leser einen Rath gewußt? Gewiß nicht; nun also, was giebt es da zu lächeln? — Der gute Guido wußte wohl, ihm stand ein böses Leben und Sterben und weiß Gott, was noch bevor, konnte er sein Versprechen nicht halten. Wenn er um aller Heiligen willen endlich nur den Schatz fände! Die Capelle zu bauen wär’ ihm zur höchsten Freude.
Aber es verging Jahr und Tag und der Guido stach Torf zu seinem Unterhalte; doch der Schatz — es war gerade, als ob der Böse darauf säße — den Schatz stach er nicht.
Da stieg er eines Tages traurig hinan zu dem Birkenberge und suchte noch einmal alle Winkel seines Hirnkastens ab nach einer Idee, wie Geld zu schaffen für den gelobten Bau.
Auf der Höhe, wo der Waldweg zieht und wo das Kirchlein stehen sollte, fand der Guido etwas Seltsames. Hier, im hellgrünen duftigen Heidekraut, von Blüthen umweht, von Hummeln umläutet, lag ein Mensch im Sterben. Es war ein alter Mann mit langem grauen Barte; er lehnte an einem großen dunkelgrünen Bündel, hielt eine Hand krampfig an die Brust und ächzte.
Als dieser den Torfstecher herankommen sah, wendete er sich etwas und murmelte: „Gelobt sei Gott!“ Dann streckte er zitternd seine Hand aus und sagte: „Guter Mann, Euch sendet der Herr. Ein Greis muß hier einsam und hilflos versterben.“
Guido war entsetzt und wollte sich sogleich wenden, aber der alte Mann bat mit brechender Stimme, ihn nicht zu verlassen. „Sterben,“ stöhnte er, „sterben kann ich wohl auch allein; aber mein Kind zu weitest im Ungarland, ein blutarm Studentlein.“ — Dann zog er mit bebender Hand ein ledern Täschchen aus dem Brustlatz: „Nehmt es, Ihr guter Mann Gottes, das ist mein Geld. Mein Sohn wird nach mir forschen, und wenn Ihr hört, daß wer nach dem Samuel Amsel frägt — nur mein Jacob kann’s sein — so gebt ihm das Geld und sagt, der Vater wär’ jählings verstorben auf der Wander und Ihr hättet sein letzt’ Wort erfüllt um Gottes willen. Ich bitte Euch, seid so mein Brudermann und thut mir das; eine größere Wohlthat könnt Ihr nimmer vollbringen auf Erd’.“
Er starb und Guido hatte das lederne Täschchen in seiner Hand. Und als nach Tagen die Leiche von anderen Leuten aufgefunden und begraben war, wie ein Fremdling, bei dem man weder Habe noch Papiere gefunden — da saß der Torfstecher in seiner Hütte und öffnete das Täschchen. Es war Geld darin, viel Geld....