Nicht weit davon im Orte Kirchberg steht ein Baum, der viele hundert Jahre älter ist als die alte Kirche auf dem Hügel, er ist wohl der älteste Baum in unserem Vaterlande: sie nennen ihn die tausendjährige Linde. Auf einer Bank im Schatten dieser Linde saß ein Bauernbursche und trank Most. Er legte seine geschlossenen Fäuste schwer auf den Tisch und brütete vor sich hin. Oben rauschte es in dem undurchdringlichen Laub, der Flügel einer Lindenblüthe tanzte nieder und fiel in das Glas hinein. Der Bursche hob seinen Kopf und murmelte: „Mit dem ist mir nicht geholfen. Was anders will ich haben!“

Er trank sein Glas zur Neige; ich setzte mich zu ihm, da wollte er sich sogleich erheben. Aber die Kellnerin kam mit einem frischen Glase, das er schon früher begehrt haben mochte; so ließ er sich wieder auf den Sitz nieder.

„Fortweg bin ich ein ordentlicher Mensch gewesen, und jetzt werde ich ein Lump!“ murmelte er. Er war sehr roth im Gesichte und seine großen dunkeln Augen blinzelten lebhaft. Es war ein hübscher, intelligent aussehender junger Mann.

„Das wäre aber doch schade!“ erlaubte ich mir der Bemerkung des jungen Mannes zu entgegnen.

„Ja freilich ist’s schad’!“ lachte er, schon etwas erhitzt von dem Getränke. „Wer weiß, wie viel Lumpen unter diesem Baume schon gesessen sind. Ich bin der Erste und der Letzte nicht, dem’s so geht. Ich hab’ kein Haus und Hof und kein Geld, und desweg verleg’ ich mich jetzund auf’s Saufen.“

Ich schwätzte hin und schwätzte her, und da erfuhr ich’s endlich: der Vater seiner Herzliebsten, ein reicher, starrtrotziger Grundbesitzer, habe zu ihm gesagt: „Du Wolfl, bis in der alten Wolfgangskirche wieder ein Altar steht, laß’ ich Dich davor mit meiner Tochter trauen. Und eher nit!“ Es war ein förmlich Gelöbniß.

Aber in der Wolfgangskirche, wo der Altar stehen sollte, lag ein großer Schutthaufen, wuchsen Brennnesseln darauf. Die frommen Christen sollten die Kirche wieder aufbauen! Eher denn das geschieht, wachsen auf dem Wechsel die Feigen. Dem Burschen war schon ein gescheiter Gedanke gekommen; er hatte an den Besitzer von Kirchberg und der Wolfgangskirche — an den Erzbischof Rauscher nach Wien — ein Brieflein geschrieben: „Gnaden bischöflicher Herr! Die christlichen Leut’ in Kirchberg und auch in der Gegend herum möchten so gern die alte Kirche wieder haben und zum heiligen Wolfgang darin beten, und auch für den guten bischöflichen Herrn. Wollte Er nur was geben um Gottes willen, daß die Kirche wieder könnte hergestellt werden; der hochwürdige Bischof thät sich damit eine hohe Stufe in den Himmel bauen.“

Was war die Antwort auf dieses Schreiben? — Die Leute könnten auch in der neuen Kirche beten, und er, der Erzbischof, brauche keine Stufen in den Himmel, er fahre mit Roß und Wagen hinein. — Das heißt, so hatte dem Wolfl einmal geträumt; in Wahrheit war gar kein Brief und gar keine Antwort.

Der Wolfl hatte mir so seine traurige Geschichte erzählt, wir wurden gute Bekannte, und letztlich begleitete er mich hinauf zur Hermannshöhle. Aber den heiligen Wolfgang brachte er nicht mehr aus dem Kopf, und er erzählte, wie der Mann Gottes als Einsiedler in dieser Höhle gelebt habe, wie große Mirakel darin geschehen seien, wie aber mit der Zeit die Menschen so schlecht geworden, daß sie gar den Eingang in die heilige Höhle nicht mehr gefunden hätten und daß erst viele hundert Jahre nachher ein armer Hirte diese Grotte wieder entdeckt habe.