Nach solchen Erörterungen krochen wir in den Berg. Eiskalte Luft wehte uns entgegen und der Wolfl zündete eine Fackel an. Durch hohe, schmale Gänge schritten wir, da weitete sich der Raum; wir standen still und sahen und hörten die Natur arbeiten in ihrer geheimen Werkstatt. Schier traumhaft und kindisch ist hier die Natur. Mit Kalkstein, aus dem sie sonst die gewaltigsten Gebirge aufgeführt hat, treibt sie hier ein Kleingewerbe, oder vielmehr sie spielt damit; sie hat dem Menschen seine Künste abgelauscht und will sie vorwitzig betreiben. Da ist sie Bergmann und zieht Schachte und Stollen, da ist sie Baumeister und führt Tempel und Hallen auf; da ist sie Bildhauer und schafft die seltsamsten, launigsten Gebilde; aber sie schämt sich ein wenig damit, denn sie hat eine etwas ungeübte Hand für derlei und sie will ihre Spielereien verstecken in die hintersten Winkel.

Der Mensch hat sie doch gefunden und er bestaunt die Natur, die selbst in ihren kleinsten Zügen Größeres schafft als eben der Mensch mit all’ seiner Macht. Und wie sie schalkhaft thut, die große Schöpferin hier in der Erde Schoß! Da macht sie einen Frosch aus Kalk und einen Todtenkopf aus Stein. Dann fällt ihr das Treiben der Leute ein und sie thut völlig ernsthaft, die Schäkerin, und formt eine Glocke, eine Kanzel, eine Pickelhaube — aber ehe das Ding noch fertig, verwischt sie es schon wieder, als ärgere sie sich selbst über das kindische Treiben. Der Mensch kommt ihr aber gar so voreilig entgegen mit seiner Phantasie und lügt ihr die stolzesten Wasserfälle, die schwellendsten Weintrauben heraus, und Alles, was er selber träumt, das sieht er hier bei mattem Fackelschein in den Tropfsteinen. Der Riesen-Hermaphrodit allerdings, der ist ohne alle Phantasie zu finden, und die Natur versteckt sich dahinter und kichert.

Plötzlich standen wir vor einem Sumpf, in dessen Wasser sich unsere Fackel spiegelte. „Das ist der Teich,“ sagte mein Begleiter; „’s ist ein kleiner Bub’ in der Gegend, der zieht sich mutternackt aus und badet sich da drin, wenn er dafür einen Sechser kriegt. Wenn die Wiener kommen, da verdient sich der Bub’ einen Haufen Geld; den ganzen Tag schwappelt er da im Wasser herum, und das soll bei so einer Beleuchtung was Wunder seltsam anzuschauen sein. Die Wiener haben den Buben so verführt, und bei der nächstletzten Osterbeicht ist er desweg nicht losgesprochen worden.“

Wir gingen und krochen lange Zeit hin und her, stiegen auf und nieder, Hunderte von Stufen; und als wir in einer schauerlichen Grotte standen, voll grauer Zacken und wüster Spalten und ungemessener Tiefen, da sagte mein Bursche: „Gucket da hinab, da geht’s schnurgerad’ der Höllen zu. Wüßt’ ich gewiß, daß ich mein Herzlieb nit und gar nit thät kriegen — mitsammt der Fackel wollt’ ich mich hinabstürzen zu dieser Stund!“

Und ein wenig später faßte er mich am Arm und rief: „Ihr seid gewiß reich oder mit dem Bischof wohlan. Geht, lasset mir die Wolfgangskirche bauen und einen Trau-Altar hineinsetzen, sonst fahren wir allbeid’ in die Höllen hinab!“

Dann lachte er und sagte: „Ja, das ist eine Zeit, und mit dem Spaß muß man sich die Verzagtheit vertreiben. Wie närrisch, wollt’ ich mich denn in die Höll’ stürzen, so lang’s noch Wirthshäuser giebt auf der Welt! Trinken will ich und meinen Rock und meine Hosen vertrinken, aber in der Pfaid will ich hingehen zu ihrem Herrn Vater und sagen: ‚Schaut den saubern Lumpen an, den habt Ihr zuweg gebracht!‘“

Als wir wieder eine Weile gegangen waren in dem unterirdischen Labyrinth, da hing plötzlich eine Laterne nieder vor unserer Nase. Der Wolfl zündete die Laterne an und zog sie durch einen Strick zur Höhe. Sie tanzte an Tropfsteingebilden und Felsmassen empor, bis das Licht nur ein winziges Sternchen war, und dann fragte er mich, ob ich an die Höhe glaube.

Bald darauf deutete mein Führer durch eine enge Spalte, aus welcher uns die ewige Nacht entgegenstarrte: „Hier ist der Weg nach Kranichsberg.“

Die Höhle sollte sich bis in das eine Stunde entfernte Schloß Kranichsberg erstrecken?