Ich fragte, ob er wohl ermesse, was er gesagt habe. Er antwortete, daß ich noch von ihm hören würde und daß er auch als Künstler meine Freundschaft, die ihm das Teuerste auf der Welt sei, behalten wolle. Ich suchte ihm in der Eile ein paar Empfehlungsschreiben aufzudrängen, dann ging er. Ging ohne Geld – denn sein Erspartes half ihm kaum bis über die Grenze – ohne Kenntnisse, ohne Freunde und ohne Plan nach Italien.
Von dem Tage seiner Abreise an war er verschollen. Und war's jahrelang, so daß mein Gedenken an ihn voll Wehmut wurde, wie man eines Toten gedenkt. Mein Leben ging in der Stille fort, aber jedes Jahr machte mich um mehrere Jahre älter, weil mit dem Wachsen meiner Einsicht mich meine künstlerischen Erfolge, so lärmend sie auch sein mochten, immer weniger und weniger befriedigen wollten. Die Ehre, welche mir die durch Effekt leicht zu bestechende Menge zollte, vermochte meinen inneren Unmut nicht aufzuwiegen und so zog ich mich sachte zurück in die Beschaulichkeit, lebte der Natur und machte Reisen von Galerie zu Galerie, um das an anderen mit Ehrfurcht zu bewundern, was mir selbst nicht gelingen wollte. Von Wendel fand ich auch nicht die leiseste Spur. Da erhielt ich eines Tages in Wien das folgende Schreiben:
»Geschätzter Freund!
Für den Fall Du einmal Lust nach malerischen Landschaften hast, so reise nach der Insel Rügen. Und wenn Du dort sein wirst, so versäume ja nicht, nach dem Landgute Zurkow zu fragen, denn der Besitzer ist ein alter Freund von Dir, der Dich bittet, es Dir bei ihm recht wohlergehen zu lassen. Er hofft, daß Du seiner nicht vergessen haben wirst und freut sich sehr, Dich nach sechs Jahren endlich wieder zu sehen. Es ist Dein alter
Wendelin Blees.«
Die Schrift war glatter geworden als sie einst gewesen, aber es war die seine. Mein Erstaunen war fast grenzenlos. Zur alten Neigung kam nun auch die Neugierde. Leicht locker gemacht war ich überhaupt und schon an einem der nächsten Tage saß ich auf der Nordbahn.
Von Anklam bis Stralsund hatte ich Gelegenheit, mich bei einem Reisenden, der aus Bergen, dem Hauptorte der Insel Rügen, war, nach dem Landgute Zurkow und seinem Besitzer zu erkundigen. Da erfuhr ich, daß Zurkow zwar kein Edelsitz sei, wohl aber eines der schönsten und reichsten Güter der Insel. Es wäre ein Edelsitz gewesen, aber der letzte Edelmann hätte ihn am Spieltisch eines rheinischen Bades verloren und sich flink darauf erschossen. Hierauf sei ein holländischer Kaufmann gekommen, Marketze geheißen, der habe das zerfahrene Zurkow gekauft und in einen Stand gesetzt, wie es seit Menschengedenken nicht erhört worden. Der Landbau und die Waldwirtschaft, die Jagd und die Fischerei blühten nun. Auch habe der Eigentümer von Zurkow Bergwerke in England besessen und Schiffe, die zwischen Stettin und Kopenhagen verkehrten. Und das Schloß habe er herstellen und einrichten lassen, daß es nun einer königlichen Residenz ähnlich sehe. Das habe ihm aber alles nichts geholfen; mit seinem Sohne sei er unglücklich gewesen und so sei er, nachdem das Gut so fürtrefflich hergestellt war, aus Gram gestorben. Es sei aber ein junger Mensch aus dem Süden gekommen, ganz fremd, der sitze nun auf Zurkow und sei gut für drei Millionen Taler. Man erzähle sich von dieser Familie mancherlei, aber da nichts Bestimmtes zu sagen sei, so tue man am besten, zu schweigen.
So war ich vorbereitet worden und so lag ich nun auf dem Ruhebette des Schlosses Zurkow – ich konnte nicht sagen, daß mir gerade wohl zu Mute war.
Endlich dämmerte es, und als ich wieder zum Fenster hinausblickte, war das Meer nicht blau, sondern lichtgrau und in seinem Quecksilberschimmer am Horizonte scharf abgeschnitten von der aufsteigenden Nacht. Das Schiff, welches früher fern wie ein Sternchen gefunkelt, war näher gekommen, es war das einzige Fahrzeug auf der dunkelnden Fläche. Auf den Felsen von Stubbenkammer glühte der Widerschein des Abendrotes und sie spiegelten sich im Meere wie blutige Schatten.
Als ich träumend so zum Fenster hinausgeschaut, legte sich sachte eine Hand auf meine Achsel. Wendel stand hinter mir.