»Vergißt es wohl nicht, daß ich dich in mein Haus nahm und hielt wie ein liebes Kind?«
»Warum haben Sie das nicht getan, so lange es noch früh genug gewesen? Sie haben mich verhehlt. Sie hätten Ihr eigen Herz und Gewissen bis an's Lebensende betrügen können, weil es das Dekorum verlangt. – Ha, so könnte ich Komödie spielen, wenn mir die ganze Teufelei nicht verflucht gleichgültig wäre. Nur wollen Sie keine kindliche Liebe, oder wie das Zeug heißt, von mir verlangen!«
»Ich verlange gar nichts von dir, mein Junge, als Klugheit,« unterbrach ihn der Graf, »aber du wirst dieselbe auch an mir erklärlich finden. Wir befinden uns jetzt beide in einer schlimmen Situation. Öffne ich dir die Kasse, um die Urkunde zu zeigen, so wirst du fürchten, ich könnte nach solchem Zwischenfall das Testament gelegentlich widerrufen und wirst das mit geeigneten Mitteln beizeiten zu verhindern suchen. Öffne ich nicht, so ist deine Sache unsicher, ja verloren.«
»Und Sie werden die Notwendigkeit begreifen, daß ich für meine persönliche Sicherheit sorge und zwar radikal …« So der Kammerdiener.
Mittlerweile hatte sich der Graf ins Nachtkleid gehüllt, an der Wand umhergetastet, um scheinbar nach den Schlüsseln zu suchen. Der Kammerdiener folgte jeder seiner Bewegungen und dabei war er doch ratlos und wußte nicht, was er unter sotanen Verhältnissen zu tun hatte. Sie waren gegenseitig gebunden, wo sich's um Konvenienz, Dekorum und materiellen Vorteil handelte, aber nicht gebunden, wenn es auf Leben und Sicherheit ankam. Der Augenblick war kritisch und Julian umklammerte wieder fest und entschlossen die Mordwaffe.
Da pochte es draußen an eine Tür.
»Auftreten die Tür! Rasch herein!« rief der Graf mit voller Stimme. Da krachte das Getäfel. Julian brach ein, die Waffe entsank seiner Hand. Das vom Grafen durch einen heimlichen Druck an der Wand gerufene Gesinde stürzte herein, der Portier voraus.
»Kommt uns zu Hilfe,« sagte der Graf, »dem Julian ist schlecht geworden. Bringt ihn in's Krankenzimmer, schafft ihm Beistand, und es sollen die Nacht über Leute bei ihm sein.«