»Sie haben da eine Frage angeschlagen, die mich interessiert,« sagte nun der Doktor. »In der Tat, ich glaube, die Ursache, daß ich kein Weihnachts-Feuilleton schreiben kann, ist, weil ich das Weihnachtsfest nicht liebe, nicht empfinde – weil mir dazu das wichtigste Ingrediens fehlt – die Familie!«

»Nun, das ist Ihre Sache,« versetzte der alte Herr ablenkend.

»Die Sache beginnt man gewöhnlich mit einem jungen Mädchen,« sagte der Doktor.

»Oder auch einer jungen Witwe,« setzte der Chef bei.

»Angenommen, mit einem jungen Mädchen, das alle Eigenschaften hätte, um einen glücklichen Gatten zu machen und Kinder vortrefflich zu erziehen. Und dieses Mädchen käme dem hier fraglichen Mann, der zum Behufe des Weihnachtsfestes eine Familie zu gründen gedenkt, mit vielem Beifall entgegen, aber dieses Mädchen hätte unglückseligerweise einen sehr wohlhabenden Vater, der sein Töchterlein begreiflicherweise nur an einen wohlhabenden oder sonstwie hochstehenden Werber abtreten möchte, da haben Sie einen Konflikt, –«

»Ist nicht originell genug,« unterbrach ihn der Chef. »Ein Feuilleton muß drastisch und prickelnd sein, nötigenfalls ein seltsames Geschehnis aus dem Leben erzählen, oder feinsinnig psychologische Eigenheiten, lächerliche Schwächen, rührende Vorzüge der Menschen wiedergeben. Die besten Feuilletons aber sind immer die, in welchen gar kein Inhalt ist – wenn's nur der Leser nicht merkt. Ich will Ihnen übrigens einen Gedanken schenken. Sie schreiben daraus ein prächtiges Weihnachts-Feuilleton, können es auch ausschmücken nach Belieben, und dabei mögen Sie lernen, daß nicht alle Menschen eigennützig sind, wie Sie glauben und sagen: man gebe nur gern, damit einem noch mehr gegeben werde. – Als ich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet hatte, war ich noch unbemittelt, mußte jeden Groschen ins Geschäft stecken, das damals in einer kleinen Schreibrequisitenhandlung bestand. Da konnte ich noch nicht viel für das Weihnachtsfest verwenden. Trotzdem stellten wir jungen Eheleute in unserer kleinen Wohnung ein Christbäumchen auf, wie es zur selben Zeit schon Sitte zu werden begann. Ich freute mich wie ein Kind, meine Frau mit einigen Geschenken zu überraschen, während sie für mich nichts haben sollte. Ich freute mich auf ihre Freude und ihre kleine Verlegenheit. Einige Tage vor dem Feste ging sie still, aber in sich aufgeregt im Hause umher, und als der Christbaum brannte, und die schönen Sachen vor ihr dalagen, sank sie an der Ecke des Zimmers zusammen und begann zu weinen. Das ganze Weihnachtsfest war ihr verdorben, weil sie mich nicht beschenken konnte. Und das ist der Gedanke, den ich Ihnen zur Verfügung stelle.«

»Ich sehe in dieser Erzählung nur den Egoismus des Mannes, der sich selbst den Spaß machen will und an anderen das Bedürfnis zu geben ignoriert.« So der Doktor.

»Genau genommen haben Sie recht,« sagte der Chefredakteur. »Doch so spitzfindig muß man die Sache nicht nehmen, sonst löst sich das beste Herz in lauter Egoismus auf. – Mein Gedanke, den ich Ihnen geschenkt habe, ist übrigens für den Weihnachtstisch zu mager. Sie müssen die Frau mindestens einen kleinen Diebstahl begehen lassen an der Kasse des Mannes, um ihn zu beschenken.«

»Herr, Ihre eigene Frau!« rief der Doktor.

»Von meiner Frau kann überhaupt nicht die Rede sein. Nehmen sie eine Frau Z oder X., nur nicht eine Frau Y., wenn ich bitten darf, denn dieser Buchstabe ist im Petit der Druckerei momentan nicht vorhanden. Das Diebstählchen sollen Sie aber nicht verschmähen, Sie bringen damit Leben und Spannung in die Sache.«