»Herr,« sagte der Doktor, »versuchen wir's, trauen wir unseren Lesern einmal eine einfache, edle Empfindung zu. Ich lasse das Weib an der Ecke des Zimmers weinen, weil sie ihrem Gatten keine Weihnachtsfreude machen konnte. Nichts sonst. – Das wirkt.«

»Sehen Sie, da haben wir wieder den menschengläubigen Gesellen!« sagte der Chef munter. »So geht's mit unseren heutigen Burschen, schwarz-pessimistisch im Räsonieren und kindlich-optimistisch im innersten Empfinden. Nun, machen Sie's, wie Sie wollen, nur setzen Sie mir Ihren Namen dazu. Ihnen verzeiht man mehr als anderen.«

»Es soll ein Feststück werden,« sagte der Doktor mit Lebhaftigkeit. »Vor allem ganz klar ist mir schon der Schlußsatz: Glücklich der Mann, der ein solches Weib sein Eigen nennt, und dreimal glücklich der, welcher einer solchen Mutter Tochter gewinnt!«

»Will mir nicht gefallen. Gefällt mir nicht,« sagte der Chef, indem er sich anschickte, in seinen Biberpelz zu kommen. »Anklang an eine Liebesgeschichte! Paßt nicht für ein Familien-Feuilleton, das man zum Kaffee muß vorlesen können.«

»Herr Chef,« sagte der Doktor und richtete sich endlich einmal von seinem Stuhle auf. »Es ist toll, was wir da reden. Ich habe Ihnen was anderes zu sagen. Sie halten so große Stücke auf die Uneigennützigkeit und Menschenliebe. Nun soll sich's zeigen. Es soll sich zeigen, ob ein Mann der guten Durchschnittssorte Geld und Titel wirklich höher achtet, als die Neigung und Wahl seiner einzigen Tochter, als das redliche Herz eines armen Teufels, der's auch einmal versucht, sein Anrecht an diesem schönen Leben zu erobern, der sich ein bescheidenes Haus gründen möchte als Zuflucht vor den hohlen Promessen und kompakten Torheiten einer zerfahrenen Welt. – Hier!« Er warf die Bücher auf dem Tische auseinander. »Hier unter diesem vergilbten Menschenwitz, unter dieser staubigen Weltweisheit ist mein Schatz begraben. Hinweg, ihr gelehrten Lexika, hinweg ihr Humboldts und Darwins und auch du, alter Grimm – wisset alles und wisset nicht, was die Liebe ist!« Er hob eine Photographie empor: »Kennen Sie das?«

»Wie kommt dies Bild auf Ihren Schreibtisch?« fragte der alte Herr.

Der Doktor legte es wieder hin, stellte sich schier herausfordernd vor seinen Chef und sagte leise: »Sie hat mir's selbst gegeben. – Sie schweigen. Sie ahnen als braver Mann, was Sie tun sollen und suchen als schwacher Mensch Ausflüchte, es nicht zu tun. Ich weiß, Sie wunderten sich, daß Ihr sonst so frisches Töchterl seit einiger Zeit verschlossen und traurig ist. Weil es mutlos ist, sie kennt Ihre Absichten mit dem alten Hofrat. Ich bin nicht mehr mutlos, seit ich Ihnen offen gegenüberstehe – ein Mann dem Manne – und mit dem Rechte des Mannes von Ihnen meine Braut begehre!«

Der Chef ließ den Pelz von der Achsel wieder auf das Sofa gleiten, stützte sich an die Tischecke und fast stöhnend antwortete er: »Doktor! Wie Sie mich doch jetzt erschreckt haben!«

Dieser stand da, preßte die linke Faust an die Brust, die rechte Hand hielt er offen hin: »Herr! Sie kennen mich seit fünf Jahren, Sie wissen, was ich bin und wie ich bin – geben Sie mir das Mädchen!«

»Sie werden begreifen –« stotterte der alte Herr, und das ist in solchem Falle fast allemal eine schlimme Einleitung; doch er sagte nur: »Sie werden begreifen, daß ich jetzt – in diesem Augenblicke – nicht vermag, zu antworten. – Kommen Sie doch morgen abends zu uns. Um sechs Uhr zünden wir den Christbaum an!«