Am fünften, sechsten Tage wurde er etwas gefaßter. Die Nahrung, wovon er sonst mit Widerwillen genossen, begann ihm zu munden, der Schlaf wurde ruhiger und erquickender. Je mehr man sich der amerikanischen Küste näherte, je klarer ward es ihm, daß er dort etwas erfahren müsse. Und mit dem ersten Schritt, den er auf das nach Deutschland abgehende Schiff setzen wird, ist er soviel als zu Hause, denn jede Sekunde bringt ihn dann im Fluge näher der Stelle, wo er aufzurichten und zu trösten haben wird. Er ist nun gefaßt, so schlimm kann es unter keinen Umständen sein, als er es in der Vorstellung durchlebt hat. Denn er hat alle denkbaren Unglücksfälle durchlitten, und in der Tat wird es doch nur einer sein. »Verhängnisvoller Vorfall«. Der Ausdruck imponierte ihm nicht mehr ganz so. Was ist verhängnisvoll? Alles Mögliche. Alte Frauen lieben in Hyperbeln zu sprechen. Vielleicht war es sogar im scherzhaften Sinne gemeint, um den Sohn, der sonst mit der Rückreise manchmal arg zu säumen pflegte, ein wenig zu peitschen. Vielleicht ist bei der ganzen Sache verhängnisvoll nur die Verwechslung der Schiffe auf dem Hafen zu Lissabon. Aber – wer weiß es?! Gott allein, dem er nun alles anheimgibt. Ja, das ist der Anker. Dem Allmächtigen will er's anheimgeben. – Ach, wie eine solche Seereise herrlich wäre bei ruhigem Gemüte! Und wie peinvoll sie gewesen ist, wie so schrecklich nichts vorher in seinem Leben war. Richard, der mag zusehen, wie er herüberkommt. Hochzeiten lassen sich verschieben. Wenn sich alles so verschieben ließe? – Ei doch, wir haben den »Verhängnisvollen Vorfall« ja Gott anheimgestellt.
Am zehnten Tage um fünf Uhr früh war die Freiheitsgöttin in Sicht, im Hafen von Neuyork. In der aufgehenden Sonne glühte sie rot, wie Eisen in der Esse. Und dann tauchte die abenteuerlich herrliche Stadt auf. Um sieben Uhr betrat Herbert den Boden von Amerika. Da war im Augenblick sein Anliegen völlig vergessen, so lebhaft stürmte die neue Welt und ihr Treiben auf seine Sinne ein. Er kam sich vor wie ein dreister Abenteurer und wollte es sein. Wollte es denn in Gottes Namen einmal sein! Er war völlig berauscht. – Den Koffer seines Freundes bekam er nicht ausgefolgt, um ihn an dessen Braut zu überschicken; er wurde ins Magazin gestellt, bis der Eigentümer selbst sich um ihn ausweisen konnte. Das erste, was Herbert suchte, war eine Auskunftstelle wegen Abfahrt der Schiffe und ein Telegraphenamt. Zu seiner größten Freude sollte an demselben Tage, abends zehn Uhr, ein deutscher Lloyddampfer nach Southampton und Bremen abgehen. So ist er in sechseinhalb Tagen zu Hause. – Und nun wollen wir frühstücken. Er ging in das nahe dem Hafen gelegene Hotel »Grodin«. Aber es schwankte noch der Boden unter den Füßen, er hatte auf schwankendem Boden das Gehen verlernt. Im großen Hotel trat er in eines der Speisenkabinette. Da war's behaglich ruhig; ein einziger Herr saß in der Ecke und sprach mit Eifer seinem Imbiß zu. Er blickte nicht vom Teller auf, bemerkte den Eintretenden kaum, dieser aber tat einen Schrei.
»Maischuster!«
Ja, es war sein Bureaudirektor aus Hamburg. Im ersten Augenblick glaubte er, der Direktor sei ihm nachgereist, doch schon im zweiten Augenblick glaubte er etwas anderes. Denn Maischuster, als er plötzlich vor sich seinen Chef sah, zuckte heftig ein und wechselte die Farbe. Dann sprang er auf, raffte vom Nagel Hut und Überrock; Herbert aber stand an der Tür, packte den Mann fest am Arm und sagte gedämpft:
»Maischuster, was ist das?«
Der Direktor ergab sich wehrlos, denn er glaubte, Herbert sei aus Hamburg nachgereist, um ihn festzunehmen und vor der Tür stünden die Häscher, denn durch die Fenster sah man Wachleute.
Herbert hatte den Zusammenhang nun durchschaut. »Sie haben sich etwas zuschulden kommen lassen, Maischuster!«
»Da haben Sie's, da haben Sie's! Ich gebe ja alles zurück!« stammelte der Bureaudirektor und zog aus dem Westenlatz ein Paket. »Ich hätte es ja ohnehin zurückgegeben, ich wollte nur – – Lassen Sie mich bloß los. Lassen Sie mich los, oder – –« Er suchte mit einer Hand in die Rocktasche zu kommen. Die beiden Männer rangen, stießen Stuhl und Tisch um, bis Kellner herbeieilten, Hoteldiener und Wachleute, mittels welcher der Defraudant festgenommen und gebunden werden konnte.
Herbert öffnete das wohlverschnürte Paket und fand in Noten und Papieren eine Summe von 230000 Mark. – Und nun wußte er's. Nun glaubte er es zu wissen, was die Depesche »Verhängnisvoller Vorfall« bedeutete. Sein Herr Maischuster war ihm in Hamburg mit der Kasse durchgegangen. Und nun sah er auch, wie es kommen kann, wenn man in eigener Ohnmacht sein Anliegen dem Herrgott anheimgibt, der in diesem Falle schon vorher für die Sache gesorgt hatte. Herbert mußte in Lissabon das unrichtige Schiff besteigen, um in Amerika den Dieb zu erwischen.
Dem Maischuster wurde noch eine Tasche mit Goldstücken und ein Revolver abgenommen und dann ist er in behördliches Gewahrsam gebracht worden.