Aber es sollte noch einen schlimmeren Fall geben, den nämlich, daß ich auch den Aufgang nicht mehr fand; ich kletterte über Stufen und Schutt und Gerölle empor, da stand ich an einer feuchten Wand, konnte nicht weiter und mußte wieder umkehren. So kletterte ich eine Zeitlang erregt und ruhelos auf und nieder und mir schien, als käme ich immer in andere Räume. Hie und da sah ich hoch über mir eine schmale Wandscharte, durch die einige matte Strahlen des Abends hereinfielen, sonst war überall undurchdringliche Finsternis.
Ich verwünschte meinen Eigensinn, nicht dem Küster gefolgt zu sein – aber das Bild war ja so schön gewesen!
Ich ergab mich in das Unvermeidliche; am nächsten Morgen würde sich das Weitere ja doch wohl finden.
Ich setzte mich auf einen Stein, schlug meine Wolldecke, die ich immer mit mir trug, eng um Achseln und Brust und versuchte einzuschlafen. Aber ich war zu erregt. – So hilflos und verlassen hier, hoch über den Menschen! Wenn unten die Uhr schlug, hörte ich kaum die Töne. –
Indes, nach und nach wurde es in mir ruhiger und noch einmal begann sich in dieser camera obscura das abendliche Bild der Aussicht von oben zu klären. Ich sah das meer- und lichtumstrahlte Eiland – ich sah Schiffe gleiten mit wehenden Wimpeln über den dunkeln Wassern; – ich sah endlich, wie aus den Fluten Felsen und Triften und Wälder und Auen sich erhoben und ich sah Hütten und Herden und heitere Hirten. Ich sah lustig jodelnde Sennerinnen und rüstige Gemsjäger. Und unten in den stillen Tälern sah ich Dörfer mit Schindeldächern und weißen Wänden, und ich sah, wie aus den Schornsteinen blauer Rauch aufstieg – ich sah mein geliebtes Alpenland. – … Da schwand das Traumbild und ich war wach.
Unweit von mir hörte ich Gepolter und Männerstimmen, Lichtschein fiel mir in die Augen.
Das waren der Küster und sein Sohn, die, als der Fremde am späten Abend noch immer nicht mit dem Schlüssel von dem Turme zurückgekommen, sich mit einer Laterne aufgemacht hatten, um zu sehen, ob ihm in den Räumen und Winkeln des alten Turmes doch nicht etwa was zugestoßen sei. Ich war bei den durch abgelöstes Mauerwerk halbverschütteten Treppen abgeirrt von der Haupttreppe, und war wirklich schon einem Abgrund nahe gewesen, der mich zwar mit einemmale um ein Bedeutendes tiefer, aber zuletzt wohl gar um sechs Schuh zu tief gebracht hätte.
Wir mußten viele Treppen hinabsteigen und als wir an der Glocke vorüberkamen, schlug sie die elfte Stunde.
Den andern Tag im Morgensonnenschein fuhr ich über den Sund und wanderte durch die Insel Rügen bis hinan zum Rugard.