Als ich auf dem Turme war, ging nach einem Gewitter gerade die Sonne unter. Die Luft war ungewöhnlich rein, der Himmel zum größten Teile klar geworden, nur über Greifswald und die Insel Usedom zogen sich noch Regenstreifen, von einem reinen Regenbogen durchwoben. Auf dem Meere, gegen Schweden hin, standen am Horizont weiße Punkte – einsam wallende Segelschiffe.

Von Rügen schimmerte das drei Meilen weit entfernte, hochliegende Bergen herüber.

Ich konnte mich von diesem Bilde nicht trennen. – Rügen! du meer- und lichtumflossenes Eiland, du sagenreiche Stätte altnordischer Kultur, du Wiege deutscher Befreier aus römischer Herrschaft; du einst von den Segeln der Hansa umkreister Eichenhain; du ersehntes Ziel der Naturforscher, du Waldesruh der Poeten – ehrwürdige Warte im Norden: sei mir gegrüßt!

»Ik wet nich, jez stahn mer schon twe Stunden da!« mahnte der Küster, der mich auf den Turm begleitet hatte.

»Steigen Sie in Gottesnamen hinab, ich werd' schon nachkommen,« sagte ich.

Darauf meinte er, ich würde allein nicht hinabfinden, eine Zumutung, über die ich lachte.

Der Mann bedeutete mir noch, daß ich mich immer an den Handstrick rechts halten müsse; den Schlüssel, den er unten stecken lassen wolle, möge ich ihm, wenn ich nachkomme, in seine Stube bringen, dann ging er. Ich sah noch, wie die Sonnenstrahlen im Meere erloschen, wie dort Rügens Hauptstadt noch einmal aufglühte und wie dann stille Dämmerung lag über Land und Meer.

Tief unter mir tönte schon die dumpfe Abendglocke der Marienkirche, als ich endlich an das Hinabsteigen dachte.

Im Turme war es dunkel; ich hielt mich immer an die Handhabe rechts. Ich stieg langsam und vorsichtig abwärts. Auf den steinernen Stufen fühlte ich hie und da Schutt, den ich beim Hinansteigen nicht bemerkt hatte. Ich hatte stets den Strick in der Hand. Dann und wann rauschte es, ich mußte wahrscheinlich Familien von Fledermäusen behelligen. Mir wurde fast unheimlich; ich suchte in meinen Taschen nach einem Streichhölzchen, fand aber keins und jetzt hatte ich auch den Strick verloren. Ich tastete an der rauhen, unübertünchten Mauer umher, aber ich fand keinen Strick. Wird sich doch wohl auch ohne einen solchen hinabhelfen lassen, dachte ich und kroch über Stufen und Stufen. Die Treppe wand sich und ich kam immer mehr in Schutt, und endlich hatte ich Mauer und Schutt neben und vor mir und ich konnte nicht mehr weiter. Viel Staub hatte ich aufgewirbelt, der legte sich mir jetzt in die Augen. Dann und wann flatterte etwas vorüber, etwas, aus welchem meine erregte Phantasie machen konnte, was sie wollte. – Ich war schier ratlos, doch entschloß ich mich, wieder emporzusteigen, die rechte Treppe zu suchen oder im schlimmsten Falle von der Höhe des Turmes um Hilfe zu rufen.