1870.
Einen der eigentümlichsten Eindrücke auf meiner ersten Reise durch Deutschland hat Stralsund auf mich gemacht. Ein stillernstes Denkmal aus lebens- und drangvollen Tagen steht sie da, rings von Wasser umgürtet – die zehnthronige Stadt Jaromars.
Jaromar, ein Fürst von Rügen, hat Stralsund im Jahre 1209 gegründet. Da kamen die Dänen und Lübecker mit Feuer und Schwert, auf daß die kaum dem Meere entstiegene Jungfrau wieder untertauche. Aber bald erhob sie sich wieder, schöner als je und vermählte sich mit der deutschen Hansa.
So ging eine lange Zeit hin und Stralsund blühte als Handelsstadt. Da kam im Jahre 1628 der Herzog von Friedland. Dieser schwur, die Stadt zu erobern, und wäre sie mit Ketten an den Himmel gebunden. Aber nicht an den Himmel war sie gebunden mit Ketten, sondern an die Herzen ihrer Bürger. Diese erschlugen dem gewaltigen Wallenstein zwölftausend seiner besten Streiter vor den Wällen der Stadt, und der Belagerer zog ab.
Im Westfälischen Frieden wurde Stralsund den Schweden abgetreten, aber der Große Kurfürst eroberte es wieder für Deutschland zurück.
Von nun ab wurde Stralsund, das seine der Hansazeit entstammende Kraft längst aufgezehrt hatte, ein Spielball zwischen Preußen, Dänen, Schweden und Franzosen, bis es heute unter dem Schutze Preußens ausruht von seiner blutigen Geschichte.
Stralsund mit seinen schmalen, hohen Häusern, zahlreichen Erkern und stattlich zugespitzten Giebeln, hat den Charakter einer mittelalterlichen Stadt. Die engen, größtenteils gleichlaufenden Gassen sind von Kleingewerbe belebt, nur gegen den Hafen hin entfaltet sich das rege Leben und Streben des Schiffsvolkes.
Unter den malerischen Gebäuden Stralsunds fällt das eigentümlich geformte vieltürmige Rathaus auf, und die Marienkirche.
Von dem hohen Turme der Marienkirche aus, den man (über 368 Stufen) fast bis zur Spitze besteigen kann, hat man die entzückendste Aussicht über das befestigte Viereck der Stadt, über einen Teil von Mecklenburg, der Insel Rügen und den blauen Strela-Sund mit seinen zahlreichen Schiffen. Südöstlich schweift der Blick über den Greifswalder Bodden und nördlich fernhin über die Fläche des Meeres.