Man setzt sich hin und kann stundenlang dem Spiele des Wassers zusehen. Gerne treibt es – und das ist bei gewöhnlicher Lebhaftigkeit sein Gebaren – in langgezogenen Wellen, wovon eine von der anderen etwa zehn bis fünfzehn Meter entfernt ist, heran. Solch eine Welle macht einen hohen glatten Rücken, durch den das Licht schimmert und sie wie grünliches Eis erscheinen läßt. Nahe dem Strande begegnet ihr aber eine von den Steinen zurückgeworfene Welle, über diese hinwegspringend bricht sie sich in Gischt, fährt an den Strand, wo sie unbändig emporwallt oder weiß aufspritzt, um dann wie ihre Vorfahren und ihre Nachkommen zurückzusinken. An mehreren Punkten, besonders am sogenannten Teufelsbrunnen sichtbar, rinnt das Meerwasser in mächtigen Strömen durch Höhlungen in den Berg hinein, um an anderer Stelle wieder hervorzubrechen. Dort und da gibt es badeschwammartig durchlöcherte Steine, durch die das Wasser gurgelt und drängt, um auf der anderen Seite stoßweise hervorzuspringen. Die Färbung des Meeres ist von höchster Mannigfaltigkeit, hier kommt noch dazu die Schattierung von den Inseln Veglia und Cherso, deren Berge besonders in den späten Nachmittagsstunden in sanftem Veilchenblau herüberlachen. Freundlich schimmert Fiume und Porto Re am Fuße des kroatischen Gebirges und im südlichen Hintergrunde steigen die hohen weißen Bergzüge Dalmatiens hoch in den Himmel empor. Mir fällt ein, der Blick auf dem Bodensee gegen die Gletscher der Schweiz hin. Die Schönheit der See und die Herrlichkeit der Alpen im Bilde vereinigt!

Als drüben an der Riviera vor einiger Zeit das Erdbeben gewütet hatte, kamen Flüchtlinge herüber nach Abbazia, das sich patriotischerweise anschickt, die österreichische Riviera zu werden. Und man hat gefunden, daß die Naturschönheit hüben jener von drüben nicht bloß in nichts nachgibt, sondern sie sogar übertrifft.

Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen Wert. Wer den nordischen Winter nicht liebt oder ihn der Gesundheit wegen fliehen muß, und doch nicht ins ferne Ausland will, der schlafe sich also in einer schönen Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen Meeres kann er dort Christfest halten.

III.

Da sitze ich auf dem luftigen Balkone des stattlichen Hospizes Quisisana und treibe wieder Meerstudien. Der Palast steht in dem immergrünen Walde, mit dessem Laube man die Unsterblichen ehrt. Zu meinen Füßen ruht der Kurort und darüber hinaus dehnt sich das Meer.

Ich liebe das Meer. Daß ich meinen Leib entkleide und in die laue salzige Flut steige, ist recht gut, aber besser noch ist das andere: ich bade im Meer mein Herz.

Dann sinne ich nach über die Natur des Gewässers. Die Ostsee z. B. hat in den Sommermonaten eine Wärme von 16–17 Graden Celsius, das Mittelmeer von 22 bis 27 Graden, das Rote Meer, welches zwischen heißen Wüstenländern liegt, hat sogar eine Wärme von 34 Graden, also um etliche Grade wärmer, als ein gewöhnliches warmes Bad ist. Ebenso verschieden ist der Salzgehalt der Teile des Weltmeeres. Die Ostsee hat etwa ein viertel Prozent Kochsalz, während das Tote Meer zwanzigeinhalb Prozent mißt. (Vielleicht kommt das von der Salzsäule, in die Frau Lot bekanntlich in der Gegend dieses Meeres verwandelt worden ist, meinte einer, der alles Salzbittere den Frauen zuschreibt.) Das Tote Meer, das merkwürdigste Binnenmeer der Erde, hat auch ein so großes spezifisches Gewicht, daß der Mensch darauf schwimmt wie ein Kork und bei dem besten Willen nicht untergehen kann. Es ist das einzige Meer, welches fast absolut klar ist und die Sonnenstrahlen wohl viel tiefer in sich läßt, als der Ozean, in den das Licht nur neunzig Meter eindringt. Tiefer unten herrscht absolute Finsternis.

Überaus unterschiedlich ist das Auftreten der Ebbe und Flut; in der Ostsee ist sie kaum zu merken, in unserem Mittelmeere unbedeutend, hingegen kommt der tägliche Wechsel des Steigens und Fallens in den südlichen Meeren in großem Maße vor. Die Tagesflut hat ihre Ursache wohl in der Ausdehnbarkeit durch die Wärme?

Die hervorragendste gute Eigenschaft der See, das Heilsamste, was die See für uns hat, ist die Seeluft. Sie wirkt mehr als die See-, Sand- und Schlammbäder, und zwar durch ihre Reinheit, ihre laue Feuchtigkeit, ihren Salzgehalt. Aber sie muß von der See herkommen, nicht vom Lande. Etliche Chemiker, die bekanntlich alles wissen und auch den Homunkel gemacht haben, behaupten auf Grund ihrer sehr wissenschaftlichen Untersuchungen, daß in der Seeluft keine Salzteile vorkämen. Der simpelste Fischer oder Matrose, ja sogar der am Strande wandelnde Landbewohner weiß das freilich anders, ja selbst auch, ohne mit dem Wasser geradezu in Berührung zu kommen – weil seine Lippen einen salzigen Geschmack annehmen, in seinen Haaren sich Salzkristallchen bilden. In Helgoland kann man es häufig bemerken, daß bei starken Seewinden die Fenstergläser der höher gelegenen Häuser sich mit feinen Salzkrusten überziehen.