Der eigenartige Geruch der Seeluft, den manche als heilsam für den Magen bezeichnen, soll von den faulenden oder verwesenden Stoffen aus dem Tier- und Pflanzenreiche kommen, die das Wasser mit sich führt. Ob solche für den, der sie einatmet, heilsam sind, das kann bejaht, aber auch verneint werden, wie überhaupt alle Kultur- und Medizinmittel von den einen bejaht, von den anderen verneint zu werden pflegen. Was existiert denn überhaupt auf Erden, über das alle Leute der gleichen Meinung wären? Die Wissenschaftler unter sich sind es so wenig als die Laien.

Ein Mensch, wird versichert, trinke täglich 10000 Liter Luft, da kommen Teile, mit welchen sie etwa verunreinigt ist, schon in Betracht. Wohltätig ist der Aufenthalt an der Küste, wohltätiger ist er auf einer Insel, am wohltätigsten auf hohem Meere, auf dem die Luft fast vollkommen rein ist. Es wird eine Zeit der schwimmenden Kurorte kommen. Man wird Schiffe einrichten, die den Zweck haben, mit ihren heilbedürftigen Insassen sich immer auf der See umherzutreiben.

Nie und nirgends ist das Klima so gleichmäßig, als auf oder an dem Meere, dort gibt es kühle Sommer und laue Winter. Wer sollte es denn glauben, daß im nordischen Helgoland im Freien die Feige reift und die Rose noch im Dezember blüht! Je glatter eine Fläche, je gleichmäßiger die Temperatur, das gilt ja auch vom Lande. Je gegliederter ein Land ist, je mehr Höhen und Tiefen es hat, je ungleichartiger im Winter und Sommer, bei Tag und Nacht ist seine Luftwärme; ins Herz hinein tut es mir weh, von euch, ihr lieben Alpen, sagen zu müssen, für Leute, die eine schwache Brust haben, seid ihr kein guter Freund! Oder man müßte immer auf euren höchsten Gipfeln leben, wo die Luft und Wärme auch eine gleichmäßigere ist als in den Tälern.

Nicht bloß die Engbrüstigen sollten ans Meer und aufs Meer, sondern auch die Engherzigen. Der Egoist, der Habsüchtige, der Hoffärtige, sie sollten einmal etliche Monate lang auf dem Ozean fahren, wo alles Größe und Ewigkeit ist, wo es nichts gibt, nach dem die Hand des Menschen begehrend sich ausstrecken kann, wo nichts sich ihm unterwirft, wo die Elemente, wie sie eben in Laune sind, das menschliche Fahrzeug als Spielzeug gebrauchen. Da ist's nichts mit der Übervorteilung anderer, und die ganze Selbstsucht geht lediglich darauf hinaus, doch nur mit heiler Haut wieder ans Trockene zu kommen. Ein kleines Schiffsbrüchlein soll für verknöcherte Herzen ein besonders heilsames Seebad sein; nicht bloß, daß man dabei beten lernt, man lernt, sagen sie, auch das Leben, bescheiden und dankbar sein für jeden Atemzug und Achtung haben vor den Mitmenschen. Natürlich rechtzeitige Rettung, und wäre es auch nur durch bewußten Balken auf eine wüste Insel. Robinson wäre daheim auf dem festen Lande ein Taugenichts geworden, die Einsamkeit auf seiner Insel im Weltmeere hat ihn zu einem ganzen Manne gemacht.

IV.

Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst ihn. Wenn du es mit dem Leben, mit der Welt, mit dir selbst einmal heftig zu tun gehabt hast, so kennst du ihn ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so unerträglich, daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke: Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes Weh, es hat Grund und Folge, es hat Gestalt, und alles, was du um dich siehst, in dir fühlst, ist namenloses Elend. Ich nenne das Leid nicht, es hat einen abscheulichen Namen.

In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine Stimme: »Geh' ans Meer!« – Ich schrak empor. Wer ist da? Wer ruft? War das nicht die traute Stimme eines längst und auf ewig verstummten Mundes? – Ja, miß dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne Gebimmel und Geserres schlafen gehen … Um Mitternacht stand ich auf und eine Stunde später saß ich im Kurierzuge nach Abbazia.

Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine, und bei Mattuglie tief unten lag das Meer im Sonnenlichte. Ich stieg hinab, wie man hinabsteigt von den felsigen Höhen Palästinas gegen das mittelländische Meer. Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser waren stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes sie küsse; und doch schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten sie heraussteigen; aber ohnmächtig rieselten sie wieder zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das ist viel zu zahm. Das Meer in meinem Herzen, das brandet anders! Jetzt hüllen mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis ist es ja nicht, nach dem ich dürste. Nach Frieden des Herzens schrei' ich auf. – Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume halten ihre üppigen Früchte mir entgegen. O nein, Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach Frieden des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu im Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche Musik! Als ob das Feinste der feinen Welt sich hier versammelt hätte, um mich zu grüßen, um mich zu trösten. Das ist es aber nicht, warum ich gekommen bin. Nach zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in die Felsen des Karstes, hinab …

Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde und abgehärmt sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig Stunden mochten verflossen sein, seit die Stimme mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine andere. Es donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand auf, öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter salziger Hauch, und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte die Luft.

Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden. »Das Meer«, antwortete er schreiend und ging vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer und mußte jauchzen, so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen Bergen wogte es heran, schlug schwer und wild an die Klippen des Strandes und die Wasser sprangen, aufwärts gießend, weit herein ins Land. Kein Lüftchen aber regte sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht war lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich so wütend gemacht? Du bist ja entzückend zornig. Ich habe kein Lied gefunden für mein Herzweh, nun singst du es, du gewaltige Harfe Gottes! – Auf hoher See draußen weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger, als wollte das Meer emporklettern an die Hänge des Karstes.